Presse - Der Dramatiker Heiner Müller und Amerika - Interview zur Buchveröffentlichung

Daniel Grünauer

Datum:

27.12.2010


Medium:

www.eichl.de


Heiner Müllers Amerikareisen - wie haben die sich auf sein weiteres Schaffen ausgewirkt? Ein typisches Thema für eine Magisterarbeit. Daniel Grünauer (28), Dramaturg, Regisseur und Schauspieler, hat aus seinen Recherchen ein Buch gemacht, das er im Rahmen eines Heiner-Müller-Abends des Landestheaters Oberpfalz am 30. Dezember 2010 um 20 Uhr im Kunstverein Weiden vorstellt.

eichl.de: Warum Heiner Müller und dessen Amerika-Reisen? Nur die verzweifelte Suche nach einem Thema, das noch nicht ausreichend beackert ist?

Grünauer: Verzweifelte Suche würde ich es nicht nennen (lacht) - eher glückliches Finden. Etwa ein halbes Jahr bevor ich meine Magisterarbeit anmelden musste und ich auf Themensuche war, wurde ich von einer befreundeten Kommilitonin zu einem Heiner-Müller-Symposium anlässlich seines Geburtstages nach Frankfurt eingeladen. Dort blieb mir vor allem ein Sachverhalt im Gedächtnis: Müller und Amerika. Jean Jourdheuil, französischer Theatermacher und Müller-Übersetzer, stellte auf dem Symposium die bis dato kaum beachteten Besuche Müllers in Amerika und deren Bedeutung für dessen Texte heraus. Zugleich verwies Jourdheuil auf die noch bestehende Lücke, die es hier zu schließen gilt.

Nur einen Tag später besuchte ich einen Heiner-Müller-Abend im Mainfrankentheater Würzburg, ebenfalls anlässlich seines 80. Geburtstages. An diesem Abend traf ich den Regisseur Stephan Suschke, ehemaliger Assistent und Kollege Heiner Müllers. An diesem Abend wurde mir klar: meine Magisterarbeit soll sich mit Heiner Müller beschäftigen und genau die angesprochene Lücke schließen. Da ich bereits während meines Studiums in Deutschland und vor allem auch in Frankreich mehrmals auf Müller und seine Texte gestoßen war und bereits da große Faszination für den ostdeutschen Autor hegte, war dies nur eine logische Konsequenz. Dass ich dann von Stephan Suschke auf Nachfrage unveröffentlichte Transskripte von Heiner Müller in Amerika bekam, war reiner Zufall, Schicksal oder auch einfach nur Glück (lacht).

eichl.de: Was bedeutet der Titel "Explosion der Erinnerung"?

Grünauer: Der Titel entstand erst sehr spät im Arbeitsprozess. Er beschreibt zum einen die Kraft von Heiner Müllers Texten und zum anderen seinen durch die Amerikabesuche beeinflussten Umgang mit Sprache. Der Titel selbst soll bildhaft wirken. Assoziationen wie „unverhofft, wuchtig, folgenreich, bruchstückhaft“ stecken im Titel.

Müller selbst benutzt in seinen Amerikabeschreibungen oft den Begriff der Explosion. Die offizielle Erinnerung an Amerika wird aufgebrochen, durch eine Explosion der Erinnerung erweitert. Ebenso reißt Heiner Müller feste Dramenstrukturen auf und schafft jene entscheidenden Lücken, die Freiräume für die Phantasie der Zuschauer zulässt. Im Ergebnis bleibt dem Rezipienten die Suche nach dem „Stottern im sprachlosen Text“, nach der finalen „Explosion einer Erinnerung in einer abgestorbenen dramatischen Struktur“ überlassen, so Heiner Müllers Aussage. Besagte Amerikaerfahrungen Müllers werden mit Hilfe der Analyse eines unveröffentlichten Gesprächsmanuskripts genauer beschrieben.

Erstens: Müller macht konkrete Erlebnisse, die ihm in Amerika widerfuhren, zum Thema seiner schriftstellerischen Arbeit. Hier kann man seine Beschäftigung mit Raum und Landschaft, mit der Dritten Welt sowie dem Verhältnis von ‚Privileg und Verrat‘ nennen.

Zweitens: Müller entwickelt, beeinflusst durch die amerikanische Ästhetik des Films und der Graffiti-Kunst, ein neues literarisches Gestaltungsprinzip – die Fragmentarisierung. Diese neue Form bewegt sich vor allem auf der Bildebene und bedient sich der Technik der Montage.

Drittens: Indem Müller durch die Amerikabesuche in einen Erinnerungsprozess eintaucht, isoliert er dessen Funktion und erhebt diese zum zentralen Element seiner ‚neuen Dramaturgie‘ – jene, die er unmittelbar vorher als Ausweg aus der literarischen Krise angekündigt hatte.

eichl.de: Die wichtigste Erkenntnis Deiner Forschungen im Vorfeld des Buches?

Grünauer: Puh. Schwer zu beantworten. Ich denke die wichtigste Erkenntnis war, dass Heiner Müllers Textwelten verstehen zu wollen der falsche Ansatz ist. Müller kreiert mit seinen teils irritierenden Beschreibungen Bilder, ganze Bilderfolgen, die so vieles beinhalten, was sich erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbart. Diese Eigenart fordert eine gewisse Umstellung unserer Herangehensweise an Texte. Nur wer beständig und ohne Druck, alles unbedingt verstehen zu wollen, sich den Texten nähert, wird die vielen Schichten der Textcollagen für sich erfahren können.

eichl.de: Fragen, die nach Deinen Recherchen offengeblieben sind?

Grünauer: Viele. Schlussendlich wurden durch meine Arbeit mehr neue Fragen aufgeworfen als beantwortet. Ich denke aber, dass das durchaus normal ist…

Im Zuge der Arbeit konnte ich nur einen Bruchteil der Bezüge und Motive bearbeiten. Viele andere Themenkomplexe, z.B. die Aspekte Gewalt, Revolution, Masken oder Geschichte bergen ebenfalls Potential für weiterführende Untersuchungen rund um die Amerikareisen Müllers und deren Bedeutung für Heiner Müllers Werk. Aber auch Wechselbeziehungen mit amerikanischen Künstlern und deren Arbeitsweisen könnten weitere sinnvolle und vielversprechende Ansatzpunkte für die Forschung bilden. Hier seien nur stellvertretend der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs und sein Konzept des ‚Cutup‘ oder der amerikanische Theatermacher Robert Wilson und sein bildhaftes Theater genannt.

eichl.de: Würdest Du Dich als Heiner-Müller-Experte bezeichnen?

Grünauer: Nein. Experte bin ich sicher keiner. Gleichwohl habe ich mich lange und intensiv mit Heiner Müller als Persönlichkeit und Schriftsteller auseinandergesetzt und viel dabei für mich und meine Theaterarbeit lernen dürfen.

eichl.de: Dein Lieblingssatz von Heiner Müller?

Grünauer: Theater ist Krise.

Daniel Grünauer ist gebürtiger Oberpfälzer. Er hat in München Theaterwissenschaften und Geschichte studiert, in Würzburg Germanistik und Politische Wissenschaften. Ein Jahr verbrachte er als Student der Darstellenden Künste an der Université de Caen Basse-Normandie in Frankreich. Seit seinem 17. Lebensjahr steht er als Schauspieler auf der Bühne. Seit 2006 ist er Regisseur und Dramaturg bei den Burgfestspielen Leuchtenberg, bei denen er zudem seit 2007 für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Schwerpunktmäßig inszeniert er Stücke der Moderne und Gegenwartsdramatik. Inzwischen arbeitet er als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler beim neugegründeten Landestheater Oberpfalz. Zudem ist er als freier Dramaturg und als Dozent in den Bereichen Regie und Dramaturgie tätig.

Die Publikation "Explosion der Erinnerung - Heiner Müllers Der Auftrag vor dem Hintergrund seiner Amerikareisen" ist vom 1. Januar 2011 an beim Tectum Verlag Marburg erhältlich (ISBN 978-3-8288-2534-5).