Presse - Klare Bilder von großer Ausdruckskraft

Daniel Grünauer

Datum:

03.01.2011


Medium:

Der Neue Tag


Landestheater Oberpfalz inszeniert Heiner Müller in Räumen des Kunstvereins

Von Tobias Schwarzmeier

Der Schlips schnürt ihm den Hals zu, er ist unter Zeitdruck, orientierungslos, beengt und umgeben von Fremden. Langsam steigt die Panik in ihm hoch. Es sind klare Bilder von ungeheurer emotionaler Ausdruckskraft, die Heiner Müller wie hier im Traktat "Der Mann im Fahrstuhl" in seinen Texten erschafft. Mit einer außergewöhnlichen Inszenierung im Ausstellungssaal des Kunstvereins in Weiden gelang es dem Landestheater Oberpfalz zu Müllers 15. Todestag, die poetische Sprengkraft und das vielschichtige Werk des provokanten Dramatikers und Lyrikers nachhaltig zu vermitteln.
Mit Referenz an die Bildersprache Müllers konzipiert Landestheater-Dramaturg Daniel Grünauer den Heiner-Müller-Abend rund um die Vorstellung seines neuen Sachbuches "Explosion der Erinnerung" nicht als szenische Lesung, sondern als performative Bild-, Text- und Klangwelten.

Lebende Gemälde

Eingebettet in atmosphärisches Sounddesign mit diffuser Hintergrundmusik, reduzierten Effekten und gesampelten Satzbruchstücken von Lukas Höllerer und Thomas Patterer, lässt Grünauer seine Darsteller fast wie lebende Gemälde agieren. Damit bündelt er die sprachliche Lebendigkeit der Gedichte, Prosatexte und Essays für die rund 50 Zuhörer effektvoll in eindringliche Momentaufnahmen.
Die glänzenden Benjamin Oeser, Claudia Lohmann und David Renner rezitieren Passagen aus "Die Hamletmaschine", "Der Auftrag" oder dem genialen Gedicht "Theatertod" daher bewusst zwischen Apathie und kühl vorgetragener Emotionalität. Selbst im dialoghaft angelegten humorvollen "Herzstück" ("Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen?" - "Wenn Sie mir den Fußboden nicht schmutzig machen") interagieren Lohmann und Oeser seltsam schlafwandlerisch nahe einer völligen Verweigerung. Mit fragmentiertem Satzbau, expliziter - und teils schockierender - Sprache und zynischem Humor reihen sich so lose Eindrücke etwa von einer Ehe im Zeitraffer oder dem einsamen Bühnentod eines Schauspielers aneinander - ohne ersichtlichen roten Faden.
Denn den suchte der Prototyp des gesamtdeutschen Dramatikers, der in und für die DDR gelebt hat, viele Stücke aber nur im Westen inszenieren durfte, selbst lange vergeblich. Bewegt sich doch seine Arbeit in einem totalitären Staat stets auf dem dünnen Grat zwischen kritischem Aufbegehren, zeitweisem Berufsverbot und Sich-Instrumentalisieren-Lassen. Müllers Gespaltensein wird auch in Daniel Grünauers lesenswertem Erstlingswerk "Explosion der Erinnerung" deutlich, in dem er das Drama "Der Auftrag" inklusive Fahrstuhl-Geschichte vor dem Hintergrund von Müllers Amerikareisen beleuchtet. Damit pickt Grünauer sich für seine wissenschaftliche Abhandlung den konkreten Lebensabschnitt heraus, in dem sich die kulturelle, politische und persönliche Verwirrung des Dramatikers ins Extreme steigert.
"Als linker Intellektueller, aus einer Schaffenskrise heraus, wird Müller mit Phänomenen wie Konsum, Hollywood oder Graffiti konfrontiert", beschreibt der junge Autor die spannende Zerreißprobe des "Theaterschaffenden ohne Bühne" im Zentrum des klassenfeindlichen Kapitalismus, die schließlich zur völligen künstlerischen Neuorientierung führt. Bislang unveröffentlichtes Material aus damaligen Telefoninterviews lassen den Leser den "Cultural Clash" des Künstlers mit frischen Reaktionen und Eindrücken hautnah miterleben.
Auch wenn sich Müllers Figur mit der Panikattacke im Fahrstuhl vergeblich wünscht, ein Geschoss zu sein, das sein "Gefängnis" durchschlagen kann: Mit dem denkwürdigen Heiner-Müller-Abend hat das junge Landestheater genau ein Jahr nach seiner Gründung einen Volltreffer gelandet.

Buchtipp: Daniel Grünauer, "Explosion der Erinnerung", 108 Seiten, Paperback, Tectum Verlag 2010, Preis 24,90