Presse - Verabredung zum gemeinsamen Freitod

Daniel Grünauer

Datum:

07.02.2011


Medium:

Der Neue Tag


Landestheater Oberpfalz bringt "norway.today" auf die Bühne: umjubelte Premiere

Von Tobias Schwarzmeier

Weit und breit nur Schnee. Die reine weiße Fläche vermittelt eine Klarheit, die im krassen Gegensatz zum Gefühlsleben von Julie und August steht. Für sie soll der Schnee zum Totentuch werden. Denn die beiden jungen Leute im spannenden Drama "norway.today", das in der Regionalbibliothek eine bejubelte Premiere feierte, wollen sich scheinbar grundlos umbringen.
Nach dem Motto "Nicht ausloggen oder einpennen - richtig weg sein" verabreden sich die beiden in einem Chatroom, um sich gemeinsam in Norwegen von einem 600 Meter hohen Felsen in einen Fjord zu stürzen. Krank sind sie nicht. Ist es Einsamkeit oder Lebensüberdruss? Die wirklichen Motive der Protagonisten des bekannten Zwei-Personen-Stücks von Igor Bauersima bleiben in der effektvollen Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz lange unklar.

Freitod als Event

Die selbstbewusste Julie (Barbara Trottmann) als treibende Kraft will die Sache geschäftsmäßig-emotionslos angehen und den Freitod zum Event machen. Der etwas verklemmte August (Benjamin Oeser) folgt ihr, aus Langeweile, Neugier und wohl auch, weil Julie ihm gefällt.
Dramaturg Daniel Grünauer erschafft mit der fesselnden Inszenierung eine eindringliche Charakterstudie zweier Heranwachsender, die zeitlose Probleme des Erwachsenwerdens durchleben. Eingehüllt in eine düstere Zwielicht-Szenerie entwickelt sich eine ausgedehnte Erfahrung zwischen Unentschlossenheit, Spontanität und Zweifeln: Was ist echt und was ist Fake, woran denkt man während des Fallens, ist der Tod der Beginn einer geistigen Existenz und warum habe ich meinen Fisch nicht mitgenommen?
Grünauer widersteht in der intensiven und frischen Bearbeitung glücklicherweise der Versuchung, das Stück mit Effekten oder lyrischer Musik zu unterlegen. Zur Auflockerung verwendet der Regisseur lediglich drei punktuell gesetzte Liedpassagen und eine stumme, widersprüchliche Filmsequenz. Es ist alleine der Ausdruckskraft der gut harmonierenden Akteure überlassen, dass der Reifungsprozess im Zeitraffer glaubwürdig bleibt.
In ihrer ersten Hauptrolle lässt die starke Barbara Trottmann in einer frechen Interpretation der vordergründig harten und aufbrausenden Macherin Julie immer deutlicher eine verletzliche, einsame Person durchscheinen. Auch Benjamin Oeser gelingt in der Darstellung des komplexen Charakters eines unreifen, ängstlichen Träumers eine Bravourleistung. Die sympathischen Figuren sind lebensecht, die Handlungsstränge und gedanklichen Konstrukte schlüssig und die Dialoge frei von Pathos.

Zuschauer gefordert

Die Zuschauer werden mitgerissen und zugleich gefordert, wenn sie in die verworrenen Denkstrukturen eintauchen. Als Chatpartner und Reflektionsfläche bei Monologen nah am Geschehen wird das Publikum am Ende zu den Angehörigen, für die die beiden noch Abschiedsvideos aufnehmen. Doch die Versuche zwischen rührender Grußbotschaft und coolem "Ich bin dann mal weg" scheitern - und zeigen, dass Julie und August noch nicht mit dem Leben abgeschlossen haben.
Das überwältigende Nordlicht und ein Beinahe-Absturz am Abgrund bringen die Wende. Im minimalen Setdesign - eine graue Fläche, ein Zelt und einige Handlampen - wird das Dachgebälk des Lesesaals zum Plateau - und zur physischen Herausforderung für die Darsteller. Langsam enthüllen sich dabei die echten Befindlichkeiten. Misstrauen und Distanz werden zur langsamen Annäherung und weichen schließlich einer erotischen Anziehung.
Julies Glaube, nur alleine ganz wahr zu sein, bröckelt. Auch August, der den Freitod immer als tröstlichen "Plan B" gesehen hat, verlässt der Mut. Der lange unvorhersehbare Ausgang - Bauersimas Stück basiert auf einer wahren Begebenheit mit tragischem Ende - ist glücklich. Der Sprung in den Tod ist abgesagt. "No way today" - heute nicht.