Presse - Vier Gladiatoren im kuschligen Wohnzimmer

Daniel Grünauer

Datum:

18.07.2011


Medium:

Der neue Tag


Premiere in der Friedrichsburg: Landestheater Oberpfalz legt sich erfolgreich mit dem "Gott des Gemetzels" an

Von Frank Stüdemann

Vohenstrauß. "Ferdinand hatte völlig Recht, diesem kleinen Scheißer die Fresse einzuschlagen!" Na also, geht doch: schnörkellos auf den Punkt. Bis Ferdinands Mutter Annette Reille sich zu dieser herzerfrischenden Aussage hinreißen lässt, vergeht allerdings einige Zeit. Den Großteil davon verbringt ihr Mann Alain, ein Anwalt, am Handy. Der "kleine Scheißer" ist übrigens Bruno, der Sohn von Véronique und Michael Houillé. Und der ist, wenn es seine Eltern diplomatisch ausdrücken, "vorübergehend entstellt".
Was war geschehen? Die Elfjährigen hatten auf dem Schulhof eine Meinungsverschiedenheit, woraufhin Ferdinand, mit einem Stock bewaffnet ... nein, Moment. Mit einem Stock "ausgestattet", darauf haben sich die Erziehungsberechtigten immerhin geeinigt, nahm er sich den Gleichaltrigen zur Brust, ließ seine Hand vom allmächtigen "Gott des Gemetzels" leiten.

Grandioses Bühnenbild

Das gleichnamige Erfolgsstück aus der Feder der Französin Yasmina Reza feierte in der Inszenierung von Daniel Grünauer am Samstagabend auf der neuen Studiobühne in der Friedrichsburg Premiere. Für die wundervolle Farce der Autorin, die uns auch "Kunst" geschenkt hat, verpflichtete das Landestheater Oberpfalz (LTO) seine Besten: Ruppert Grünbauer und Claudia Lohmann spielen die Houillés, Susanne Stangl ist als Annette Reille zu sehen. Und Newcomer Stefan Neubauer, im zweiten Jahr dabei, übernimmt den Part ihres Mannes Alain.
Ins Auge geht "Der Gott des Gemetzels" schon, bevor das Stück beginnt: Das Bühnenbild von Pascal Seibicke ist ein Fest für die Sehnerven. Schirmlampen sind über den ganzen Raum verteilt, Schmuckstücke aus den 60er und 70er Jahren. Die Bühne zeigt ein Wohnzimmer in Braun- und Beigetönen, mit Perserteppichen und urigen Sitzmöbeln. Im Hintergrund steht ein Gebilde aus etlichen Fensterrahmen, das an eine klassische Wohnwand erinnert. Schön, dass statt abstrakt-steriler Kulissen hier etwas Echtes zum Gucken präsentiert wird.
In dieser authentisch möblierten Arena also tragen die beiden Elternpaare ihren Kampf aus, der harmlos beginnt: Eigentlich will man ja ganz zivilisiert über das Verhalten der Zöglinge sprechen. Die Schuldfrage scheint von Anfang an sowieso geklärt, Ferdinand war der Täter, Bruno das Opfer.
Sehr schnell geht es aber mehr oder weniger offen um Eheprobleme, berufliche Minderwertigkeitskomplexe, hoffnungsloses Gutmenschentum und mangelnde Kompetenz am Backofen. Dass sich im fliegenden Wechsel immer wieder neue Allianzen bilden, das gehört zum Reiz von Rezas genialem Stück. Zwischendurch wird dann noch ein wertvolles Buch vollgekotzt und eine Blumenvase zweckentfremdet.
Lohmann, Stangl und Grünbauer erweisen sich einmal mehr als tragende Säulen des LTO-Ensembles, die ihre Rollen beherzt und intuitiv mit Leben füllen. Gerade die beiden Frauen haben sichtliche Freude an ihren Rollen und brillieren mit bestem Timing. Stefan Neubauer kann mit den Routiniers mithalten, wirkt manchmal noch etwas zu wenig aufgelockert – was aber wiederum zu seinem zynischen Rechtsverdreher bestens passt. Geraffter Gesamteindruck: "Gemetzel" gelungen.