Presse - Zwei Paare zwischen Verschwisterung und Zickenkrieg

Daniel Grünauer

Datum:

18.07.2011


Medium:

Mittelbayerische Zeitung


Im Gewand eines Boulevardstücks sezieren und demontieren sich bürgerliche Paare: Das Landestheater Oberpfalz zeigt „Der Gott des Gemetzels“

Von Reinhold Willfurth, MZ

VOHENSTRAUSS. Das Coffeetable Book liegt auffällig unauffällig auf dem von schweren Sitzmöbeln umzingelten Edelholztisch. Mehrlagig drapierte Perserteppiche dämpfen jeden Schritt. Eine hinterleuchtete Bar in der Schrankwand weist dezent auf ausreichende Spirituosenvorräte hin. In der Designervase stecken Designerblumen: Voilà, das Schlachtfeld ist angerichtet für „Der Gott des Gemetzels“.

Ein bürgerliches Wohnzimmer im großstädtischen Milieu Mitteleuropas. Dort treffen sich zwei Elternpaare, um in aller Ruhe über die Missetat von Ferdinand zu reden bzw. eine Sprachregelung für die Versicherung zu finden. Der elfjährige Sohn von Annette und Alain hat Bruno, dem Sprössling von Veronique und Michel, auf dem Schulhof zwei Zähne ausgeschlagen, „mit Schädigung des Nervs“. Welche Schäden die Eltern der beiden Raufbolde aufweisen, wird in den nächsten beiden Stunden genüsslich ausgebreitet, ausgespien, ausgekotzt – und das zum großen Spaß der Zuschauer.
„Der Gott des Gemetzels“ ist die letzte Premiere des neu gegründeten Landestheaters Oberpfalz (LTO) in dieser ersten, anstrengenden Theatersaison. Der junge Regisseur Daniel Grünauer aber treibt sein Schauspieler-Quartett in dieser bitterbösen Boulevardkomödie mit Tiefgang zu Höchstleistungen an. Susanne Stangl etwa spielt die wie aus dem Ei gepellte, zunächst alles maliziös hinweglächelnde, später besoffen Gift und Galle spuckende Societyfrau mit einer Disziplin und Perfektion, wie man es auf einer Bühne mit professionellem Anspruch erwarten kann. Das gilt auch für die berühmte Brech-Szene, wenn Annette minutenlang die Bröckchen Theaterkotze lebensecht auf die ach so wertvollen Kunstbände tropfen lässt.
Dabei hat es ihre Figur nicht leicht, denn sie muss mit einem Arschloch von Ehemann zurechtkommen: Stefan Neubauer verkörpert den zynischen Yuppie-Anwalt Alain, dem alles wurscht ist, außer sein nächster Winkelzug im Dienst einer dubiosen Pharmafirma. Immer wieder köstlich, wenn Alain genau im falschen Moment sein Designer-Handy zückt. Das andere seltsame Paar besteht aus einem Neurotiker mit Gutmenschen-Attitüde und Mutterkomplex (Ruppert Grünbauer) sowie einer esoterisch angehauchten Schnepfe mit Faible für die entrechteten Völker Afrikas (Claudia Lohmann). Zuhause liebt diese es allerdings, genüsslich ihren Mann zu demontieren, indem sie ihn vor ihren Gästen bloßstellt, ohne zu bemerken, dass sie sich dabei selber demontiert. So wie das gesamte Quartett auf der Bühne. Denn nach anfänglichem Smalltalk lassen auch Veronique, Annette und Michel tief in ihre Abgründe blicken, befeuert vom Martinique-Rum aus der Bar.
Die Doppelmoral, die Verlogenheit, verborgen hinter politischer Correctness, der Zynismus, die Unbarmherzigkeit, der Hass auf den Partner, nur weil dieser Schwächen zeigt: All diese bürgerlichen Abgründe führen uns die vier auf der Bühne vor. Es ist das Verdienst der Autorin, dass sie diese Abgründe politisch nicht verortet: Der bigotte Bourgeois, ihn gibt es auf der linken ebenso wie auf der rechten Seite der Gesellschaft. Auf der Bühne stehen sich im Grunde auch nicht zwei Paare gegenüber, sondern vier Jammergestalten in wechselnden Koalitionen.
Dass das Ganze kein bürgerliches Trauerspiel ist, sondern ein Heidenspaß, liegt an der herrlich absurden, teilweise slapstickhaften Szenenfolge mit Wortwitz, Running Gags (Maman ruft immer im falschen Augenblick an) und den grotesken Dialogen.
Wer also wieder einmal herzhaft über andere lachen will, sollte sich in die Vohenstraußer Friedrichsburg aufmachen, der famosen Kammerbühne des LTO. Die Gefahr ist allerdings nicht zu verleugnen, dass dem Besucher manchmal das Lachen im Hals stecken bleibt – weil ihm das, was auf der Bühne geschieht, verdammt bekannt vorkommt.