Presse - Bissige Ironie unter romantischem Deckmantel

Daniel Grünauer

Datum:

12.12.2011


Medium:

Der Neue Tag


Hintersinnige Landestheater-Inszenierung von "Leonce und Lena" in der Regionalbibliothek - Viel Wortwitz

Von Tobias Schwarzmeier

Die Masken fallen. Die anonyme Hochzeit hat die richtigen Liebenden zusammengebracht und führt zu einem glücklichen Ende. Manchmal scheint es so einfach zu sein. Doch auch Georg Büchners Liebesgeschichte "Leonce und Lena" versteckt etwas hinter einer Maske.
Zunächst ist das Werk - vom Landestheater Oberpfalz in der Regionalbibliothek Weiden lebendig inszeniert - eine klassische Liebeskomödie mit bekanntem Aufbau und üblichen Wendungen. Zwei Königskinder (Katharina Stark und Benedikt Kleber) fliehen, ohne sich zu kennen, vor ihrer arrangierten Heirat nach Italien, treffen sich dort zufällig und finden durch eine List des Dieners Valerio zusammen. Wer jedoch hinter die Larve der harmlosen Liebeswirren blickt, findet dort eine zynische Karikatur der Zustände in der vorrevolutionären Phase des 19. Jahrhunderts, die jedem heutigen Kabarettisten zur Ehre gereichen würde.

Ideal besetzt

Die stimmige Kombination dieser beiden Motive stellt die schwierigste Aufgabe für Regisseur Daniel Grünauer dar, die er mit einer stringenten Bearbeitung nahe am Original und einem ideal besetzten Liebespaar bravourös löst. Stark und Kleber geben der romantischen Prinzessin und dem bornierten, verträumten Müßiggänger mit feiner Körpersprache genau das richtige Maß an Identität, Zweifeln und verliebten Blicken mit, um die Romantiker im Publikum zu gewinnen.
Grünauer kann dadurch die in der Vorlage nicht ganz so glatte Romanze straffen. Dieser schmale Rahmen akzentuiert den sozialkritischen Subtext und bereitet die Bühne für herrlich kunstvolle Wortspiele.
Georg Büchners einzige Komödie - der Autor starb im jungen Alter von 23 Jahren - war ein Schnellschuss, mit dem er in letzter Sekunde noch an einem Wettbewerb teilnehmen wollte. Dieser Zeitdruck ist spürbar, denn der Freidenker verströmt seine pure Eloquenz, die alle Darsteller ausleben dürfen, ungeheuer gradlinig.
Selbst Belanglosigkeiten werden so zu respektlosen Angriffen auf überdrüssige Aristokraten, die Faulheit zum Talent erheben, an Selbstmord denken, weil die Situation gerade irgendwie dazu passt, oder in sinnentleerten Gesprächen ihr tristes Dasein beklagen.
Das spielfreudige Ensemble mit Claudia Lohmann als schnippischer Gouvernante, Jutta Bollwein als kriecherischer Staatsratspräsidentin sowie Regieassistentin Barbara Trottmann und Stefanie Roth als tratschenden Hofschranzen lästert, stichelt und beleidigt - und macht dabei sich selbst lächerlich. Der heimliche Protagonist aber ist der clevere Lebemann Valerio. Verkörpert vom glänzenden Lukas Höllerer, der die schlagfertige Rampensau mit sichtlichem Spaß gibt, stellt dieser in spritzigen Monologen die Unzulänglichkeiten seines Umfelds schonungslos bloß.

Überzeugend gespielt

Eine wahre Offenbarung ist auch Stefan Neubauers Interpretation des verwirrten Königs. Leonces Vater stolpert ohne Hose in Feinripp-Liebestötern mit Eingriff und neongelbem Strumpfband planlos über die farbarm gehaltene Bühne, erinnert sich mit einem Knoten im Schnupftuch gerade noch an sein Volk und zeigt ihm unbewusst und vieldeutig sein Hinterteil. Sein Entschluss, die Heirat auch ohne das Paar symbolisch mit Pappfiguren durchzuziehen, zeigt, wer hier das wahre, platte Abziehbild ist.
Seltsamerweise konnten 200 Jahre politischer und gesellschaftlicher Veränderung dem inspirierenden Stoff nichts anhaben. Degenerierte Monarchen oder der angedeutete Flickenteppich zersplitterter Kleinststaaten im Deutschen Bund - die Diener können vom Thronsaal aus die Landesgrenzen überwachen - sind zwar Geschichte. Doch eine krisengeschüttelte EU, realitätsferne Staatsmänner, die klaffende Schere zwischen Arm und Reich oder eine Jugend, die ihre Freiheiten nicht realisiert, geben dem Werk Aktualität.
In gewisser Weise ist das Happy-End eigentlich pessimistisch. Der konfuse König tritt zurück, zieht in einem seltenen Moment der Klarheit eine Hose an und postuliert das freie Denken - um beim Abgang murmelnd wieder daran zu zweifeln. Es kommt auch nichts Besseres nach: Valerio, die personifizierte Spaßgesellschaft, als Staatsminister und die beiden weltfremden Jungregenten geben eine fatale Richtung vor: "Morgen machen wir weiter. Genau so wie bisher."