Presse - Manchmal geht es nur brutal oberpfälzisch - Interview

Daniel Grünauer

Datum:

29.02.2012


Medium:

Der Neue Tag


Perspektiven, Profis, Publikumsgeschmack: Gespräch mit Landestheater-Dramaturg Daniel Grünauer und Oberpfalztheater-Chef Christian Höllerer

Von Tobias Schwarzmeier

Zwei Theatergruppen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, tragen die Identifikation mit der Oberpfalz schon in ihrem Namen - das Landestheater Oberpfalz (LTO) und das Oberpfalztheater (OT). LTO-Dramaturg Daniel Grünauer (29) und OT-Mitbegründer Christian Höllerer (55) plaudern bei einer Tasse Kaffee über Entwicklungen der regionalen Theaterszene und zeichnen ein überraschend positives Bild von der Zukunft des "Oberpfälzer Theaters".

Für das Landestheater war es ein Muss. Warum hat sich auch das Oberpfalztheater die Region direkt auf die Fahnen geschrieben?

Christian Höllerer : Eigentlich haben wir gar nicht groß nachgedacht. Unser Ziel ist es, die ganze Oberpfalz und ihre unterschiedlichsten, interessanten Spielorte zu bespielen. Der Titel kam dann ganz von alleine, passte und war griffig. Viele versuchen heute, die Oberpfalz aus sich herauszukriegen. Das ist falsch. Daniel Grünauer : Die Idee eines LTO ist schon älter und entstand nicht zuletzt durch die umliegenden Profi-Theater. In der Oberpfalz gab es als einziges subventioniertes Theater das Stadttheater in Regensburg. Neulich hieß es wieder im Bayerischen Rundfunk: "Weiden in Oberfranken". Der Gedanke - "Da ist nix, wie kann es hier Theater geben?" - ist weit verbreitet und das wollen wir ändern.

Wie steht es denn um das Theaterangebot in der Region - kann es die Qualität auf Dauer erhalten?

Höllerer : Es wird sehr viel geboten. Die Oberpfalz hat die größte Dichte an Amateur-Theatergruppen in Deutschland - ich vermeide bewusst den Begriff Laienschauspiel ... Grünauer : ... genau, der wertet die Theaterarbeit ab. Wir sind das einzige Land, in dem diese Unterscheidung überhaupt noch getroffen wird. Höllerer (nickt zustimmend): Auf Bühnen wie Leuchtenberg oder der Luisenburg spielen Berufsschauspieler mit Amateuren. Wenn Zuschauer danach fragen, wer zu welcher Gruppe gehört, spricht das Bände. Grünauer: Außerdem sollte die Oberpfalz als Talentschmiede betrachtet werden. Es ist ein Glücksfall für jeden jungen Regisseur oder Schauspieler, der Bühnenerfahrung sammeln will. Wo sonst hätte ich als Berufseinsteiger die Chance bekommen, mit "Xanadu" eine Europapremiere inszenieren zu dürfen? Außerdem erhält die Fluktuation das Feuer.

Ein Theater-Feuer auf dem Land, das in Regensburg verloschen ist?

Grünauer : Es wäre nicht richtig, zwischen Stadt und Land zu unterscheiden. Bei uns kommen immer wieder junge Leute nach, und zugleich profitieren wir vom Austausch mit erfahrenen Theatermachern wie Christian. Am Stadttheater gibt seit 15 Jahren dieselbe Riege den Ton an. Da hat sich weder etwas bewegt noch entstand Neues. Mit der neuen Intendanz ändert sich das hoffentlich.

Gibt es Konkurrenzdenken unter den Theatergruppen?

Höllerer: Nein, das Landestheater hat als professioneller Theaterbetrieb eine ganz andere Herangehensweise. Die kleineren Bühnen respektieren sich und achten darauf, sich nicht ins Gehege zu kommen. Ich denke, wir ergänzen uns alle ganz gut.

"Xanadu" rückte den Fokus der Theaterszene auf das LTO und die Region. Hat sich dadurch die Rezeption nachhaltig verändert?

Grünauer: Ich glaube schon. Das LTO ist zu den 30. Bayerischen Theatertagen in Augsburg eingeladen, wo wir den "Monolog eines Henkers" aufführen. Eine echte Auszeichnung.

Der "Henker" ist ein positives Beispiel für ein Stück aus der Region. Gibt es genug Regisseure und Autoren wie Bernhard Setzwein oder Werner Fritsch, um echtes "Oberpfälzer Theater" zu erschaffen?

Höllerer: Leider gibt es zu wenige Autoren und kaum ein Jugendlicher spricht noch Dialekt. Dabei funktioniert manches wie etwa unsere szenische Lesung von "Tannöd" nur in richtig brutalem Oberpfälzisch. Grünauer : Auch fehlt die Förderung, etwa durch Autorenpreise.

Der Geschmack unserer Theatergänger dagegen gilt oft als ländlich. Wollen die Leute wirklich nur den x-ten Brandner Kaspar sehen?

Höllerer : Volksstücke sind wie auch Kinderstücke eine "Einstiegsdroge" für viele. Da ist die Schwelle niedrig. Die Leute gehen einfach so hin, werden neugierig und sehen sich dann auch einmal etwas anderes an.

Wäre bei uns auch etabliertes modernes Theater denkbar?

Grünauer : Für moderne Inszenierungen fehlt eine passende Bühne. Wenn wir in Weiden ein einfaches Black-Box-Theater für 200 Zuschauer hätten - vielleicht integriert in das neue Einkaufszentrum am Dänner-Eck (grinst) - wäre vieles möglich.