Presse - Nicht immer Schönes - Interview zu Frühlings Erwachen

Daniel Grünauer

Datum:

22.07.2010


Medium:

Rundschau Weiden


Daniel Grünauer hat für das Landestheater "Frühlings Erwachen" inszeniert. Im Interview berichtet er über die Arbeit.

Von Gabi Eichl

Vohenstrauß. Warum haben Sie Wedekinds "Frühlingserwachen" gewählt?
Grünauer: Weil es im Lehrplan steht und weil wir jedes Jahr ein Stück auswählen, das explizit für den Schulgebrauch geeignet ist. Wir wollen immer junge Leute aus unserem Ensemble einbeziehen und das geht mit diesem Stück besonders gut. Das Stück lebt außerdem von der Kammerspielatmosphäre, und wir wollten wieder etwas in der Friedrichsburg machen. Noch ein anderer Grund ist, dass wir nicht immer nur Schönes bringen wollen. Und dieses Stück spricht heute noch viele Tabus an.

Was hat Sie besonders gereizt?
Grünauer: Es war eine Herausforderung, mit Jugendlichen zu arbeiten. 25 junge Menschen unter einen Hut zu bekommen – junge Menschen mit ihren Problemen, die auch ernst genommen werden wollen, das war schon schwer. Das Tolle war, dass wir alle, auch die älteren (Anmerkung der Redaktion: Daniel ist erst 27), über eine Fülle von Themen gesprochen haben, ein Wahnsinn. Wir haben ein Viertel der Proben mit Diskussionen verbracht – über Abtreibung, Sexualität, Selbstmord. Wir haben auch lange diskutiert, ob das Stück heute überhaupt noch zeitgemäß möglich ist. Zum Beispiel, dass ein 14-jähriges Mädchen nicht weiß, was mit ihr passiert ist und sie dann schwanger ist.

Wie alt sind die Darsteller?
Grünauer: Zwischen 16 und 28. Viele sind in der Entwicklung. Es ging auch darum, wie wir sprachlich mit Sexualität umgehen. Das Wort Penis zum Beispiel würde niemand laut sagen. Warum? Ist das was Schlimmes? Viel Diskussion also rund um das Stück – ich hoffe, man sieht, dass das alles mit hineinspielt. Für mich total erfreuend war es, zu sehen, wie die jungen Leute diese Szenen spielen, ob es nun ein schwules Liebespärchen war oder ein heterosexuelles. Das geht nur, wenn man sich lange darüber unterhält und nicht einfach sagt, "so, jetzt küsst euch mal".

Manche Szenen werden vielleicht als etwas drastisch empfunden?
Grünauer: Die Selbstbefriedigungsszene. Die steht so auch bei Wedekind, natürlich anders, der Zeit entsprechend. Damals gab es kein Internet, keine Pornohefte.

Die Arbeit mit Jugendlichen hat auch dem Regisseur etwas gebracht?
Grünauer: Auf jeden Fall. Das war ganz anders, weniger planbar. Das hat mich persönlich auch an Grenzen gebracht. Es gab Momente, in denen alle ein bisschen Angst hatten. Von den Jugendlichen kamen viele Ideen. Man muss als Regisseur natürlich immer das Ganze im Blick haben. Aber im Detail ist es manchmal wichtig, den Leuten zu vertrauen, ihnen Freiheiten zu geben. Insgesamt eine tolle Sache.

Und die Zusammenarbeit mit dem indischen Filmemacher Rathindran Prasad?
Grünauer: Meine Schwester Franziska hat in Indien ein Kunstprojekt gemacht, dabei hat sie Rathindran kennengelernt. Ich habe ihm das Stück in einer englischen Übersetzung besorgt und ihn dann gebeten, für diese und jene Szene ein Video dazu zu machen. Ein kleines Problem: Er ist es gewohnt, mit mindestens einem persönlichen Assistenten zu arbeiten, plötzlich musste er selbst filmen. Das Ergebnis ist dennoch genial.