Presse - Naturereignis italienischer Komödianten-Kunst

Daniel Grünauer

Datum:

18.06.2012


Medium:

Der Neue Tag


Carlo Goldonis Commedia dell'arte feiert mit dem Stück "Diener zweier Herren" auf Burg Leuchtenberg eine glänzende Premiere

Von Rudolf Barrois

Sie brechen herein wie ein Naturereignis: Mit Lärm, lauter Musik und überschwänglicher Gestik präsentiert sich eine italienische Schauspieltruppe einem Publikum, das nun sofort weiß, was es die nächsten zwei Stunden zu erwarten hat: Lebensfreude, Wort- und Situationswitz und eine gute Portion Satire. Mit der Aufführung von Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" fügten die Burgfestspiele Leuchtenberg/das Landestheater Oberpfalz, am Freitagabend der Reihe bemerkenswerter Aufführungen ein weiteres Highlight hinzu.

Als der gelernte Jurist Goldoni 1745 das Stück schrieb, gab es die Commedia dell'arte schon 200 Jahre. Von Berufsschauspielern in Venedig gegründet, fordert diese Theaterform von den Mitwirkenden besonders viel Spielwitz, Körperlichkeit, Emotionalität, Musikalität und nicht zuletzt eine Begabung für Situationskomik. Denn: Die Commedia präsentiert stets die gleichen Figuren mit wechselnden Inhalten, und den Schauspielern ist es erlaubt, ja aufgetragen, in einer vorgegebenen Handlung beim Dialog eigene Fantasie zu entwickeln. Eine Aufgabe, die das ganze Können verlangt und darüber hinaus höchste Konzentration, denn bei der Commedia wird schnell gespielt, Schlag auf Schlag sozusagen. Dabei greift alles ineinander über, bündelt sich in einem Handlungsstrang, der dann zum glücklichen Ausgang führt,

Komödie und Spott

Goldonis "Diener zweier Herren" ist vor allem deshalb ein Klassiker des Genres, der immer wieder in großen Häusern aufgeführt wurde und wird, weil hier die Muster der Komödie sich vermischen mit beißendem Spott über gesellschaftliche und politische Verhältnisse, in diesem Fall im reichen Venedig, das von einigen wenigen Patronen beherrscht wird, während die Bediensteten gefälligst den Schnabel zu halten haben und gehorchen sollen. Wenn zu der allgemeinen Gier nach Geld, Macht und Einfluss, der natürlich auch der Heiratsmarkt untergeordnet ist, eine peinliche Verwechslung kommt, die geballte Eifersucht leidenschaftlich sich Liebender zur Folge hat, schlagen die Wellen in Venedigs Kanälen schon höher.

Florino Aretusi wird beschuldigt, den Bruder seiner geliebten Beatrice, einen gewissen Federigo, beim Duell getötet zu haben. Er flieht nach Venedig. Die Geliebte folgt ihm. Als Mann verkleidet, erscheint sie bei dem Granden Pantalone just in dem Moment, als dieser seine Tochter Clarice mit Silvio, dem Sohn eines reichen, aber reichlich verwirrten Dottore Lombardi verheiraten will. Silvio kam zum Zuge, nachdem der Tod Federigos gemeldet worden war, den sie laut Abmachung eigentlich heiraten sollte. Beatrice hat ihren Diener Truffaldino mitgebracht. Der hat sich, um seine schmalen Einkünfte aufzubessern auch bei Florindo verdingt.

Ohne voneinander zu wissen, nehmen Florindo und seine verkleidete Geliebte im selben Hause Quartier. Der schlecht bezahlte Truffaldino nutzt jede Gelegenheit, auf seine Kosten zu kommen, hat den Koch und Trattoriabesitzer Brighella auf seiner Seite, nicht zuletzt die emanzipierte, anmutige Kammerzofe Smeraldina, in die er sich sofort verliebt. Das alles passiert natürlich mit ungeheurem emotionalen und motorischen Aufwand. Truffaldino, Hansdampf in allen Gassen mit leicht anarchistischen Zügen, leistet sich einen Fehler nach dem anderen, kann sich aber jedes Mal herauswinden. Seine letzte Dummheit lässt die Liebenden einander erkennen. Das Happy End klingt aus in einem leidenschaftlichen "O Sole Mio", natürlich von Truffaldino angestimmt.

Goldoni war mit seinem Stück nicht nur auf Unterhaltung des Publikums aus. Mit beißendem Spott bedenkt er die Herrschaftsverhältnisse der reichen Stadt. Und die beiden Patrone müssen sich am Ende - Geld hin und Heiratspläne her - den jungen Leuten geschlagen gaben.

Große Schauspielkunst

Regisseur Wolfgang Krebs hat seine ganze Begeisterung für die italienische Volkskomödie und einige Jahre Erfahrung mit diversen Theaterkompagnien im Land der Azurri mit nach Leuchtenberg gebracht. In penibler Probenarbeit formte er ein Commedia-Ensemble, das einen Vergleich mit dem italienischen Original nicht zu scheuen braucht. Daniel Grünauer (Souffleur Luigi), Stefan Neubauer (Pantalone), Katharina Stark (Clarice), Helmut Johannes Schindler (Dottore), Johannes Kleimann (Silvio), Barbara Trottmann (Beatrice), Cestmir Mican (Florindo), Uli Scherr (Brighella), Claudia Lohmann (Smeraldina), und nicht zuletzt und vor allem Benjamin Oeser als Truffaldino boten eine geschlossene Ensemble-Leistung.

Das hohe Tempo des Stücks, die Situationskomik, eine bisweilen unglaubliche Bewegungsfreude und dennoch die konsequente, genau dosierte Führung im Handlungsstrang machten die Premiere nicht nur vom Inhalt her zum Vergnügen. Das war Schauspielkunst, wie sie gerade für die Commedia dell'arte zum Erfolg unerlässlich ist.

Grünauers Abschied

Der blieb denn auch nicht aus. Das Publikum wollte die Schauspieler - nach Truffaldinos Gesangseinlage erst recht - fast nicht von der Bühne lassen. Einen wird das besonders gefreut haben: Die Rolle des Luigi ist die vorläufig letzte, die Daniel Grünauer beim Landestheater Oberpfalz spielt. Er wird die Oberpfalz in Richtung Ulm verlassen, wo er sich neuen beruflichen Herausforderungen stellt.