Presse - In Xanadu ist eben alles etwas anders

Daniel Grünauer

Datum:

13.09.2010


Medium:

Der Neue Tag


Landestheater Oberpfalz feiert mit Musical bejubelte Deutschlandpremiere

Von Tobias Schwarzmeier

Vohenstrauß. Vielleicht hätte sie das Ganze noch einmal überdenken sollen. Ihre Unsterblichkeit ist futsch und als sächselnder Ossi weiterzuleben, klingt auch nicht wirklich prickelnd. Doch Kira ist glücklich. Denn die Muse ist verliebt.

Als die Quelle der göttlichen Inspiration (verkörpert von Susanne Stangl) mit ihren Schwestern in Venice Beach der Kreidezeichnung des glücklosen Künstlers Sonny (Markus Engelstädter) entsteigt, soll sie ihm nur etwas auf die Sprünge helfen. Doch der Kuss der Muse hat dieses Mal folgenschwere Nebenwirkungen.

Kein Risiko gescheut

Mit der aufwendigen Musicalkomödie "Xanadu", die in der ausverkauften Stadthalle ihre Deutschland- und Europapremiere feierte, gelang dem jungen Landestheater Oberpfalz ein Volltreffer. Dabei war sich das Ensemble der Risiken des besonderen Stoffes bewusst. Denn die Bearbeitung des 80er-Jahre-Tanzfilms mit Olivia Newton-John für die Theaterbühne gilt nicht zuletzt wegen der inhaltlich dünnen Grundlage als extrem schwierig. Und das trotz des genialen Symphonic-Rock-Soundtracks vom "Electric Light Orchestra", der hier mit Pop-, Swing-, Gospel- und Rap-Elementen veredelt wird.

Regisseur Daniel Grünauer verwandelt die trashige Handlung in eine gnadenlos überdrehte und ironische Hommage an den Kitsch. Das Streben nach Xanadu - der Quintessenz des künstlerischen Schaffens - wird hier zu einer rasanten Fahrt durch eine leicht diffuse, glitzernde Traumwelt. Der witzige Fakt, dass dieses abgehobene Ideal ausgerechnet im Verwandeln eines baufälligen Theaters in eine Rollerdisco liegen soll, passt dabei ins fantastische Gesamtbild.

Mit der frischen, liebevollen Inszenierung legt das Landestheater-Ensemble die Messlatte für Folgeproduktionen hoch. Denn die ausnahmslos gesanglich und schauspielerisch beeindruckenden Darsteller verleihen der Handlung eine ungeheurere Authentizität, ohne die das exzentrische Musical nicht funktionieren würde.

Zwischen wunderbaren Popballaden schwebt Stangl herrlich sächselnd auf ihren Rollschuhen geradezu durch die Szenen, während Engelstädter mit einer entrückten Interpretation Sonny einen naiv-mitreißenden Enthusiasmus verleiht.

Doch ihre Liebe ist verboten. Kiras neidische Schwestern Melpomene und Calliope sprechen einen Liebesfluch aus und entzweien die beiden. Mit der Besetzung und der Ausformung des schrillen Duos - der stimmgewaltigen Silke Husslik als sympathischer Bösewicht und der urkomischen Doris Hofmann als burschikose Besserwisserin - gelingt ein Meisterstück. Die Zicken sorgen für Lachtränen und liefern mit den ELO-Krachern "Strange Magic" und "Evil Woman" zwei der musikalischen Höhepunkte des Abends. Doch selbst das Böse ist nicht richtig böse. Sogar der geldgeile Immobilienhai Danny (im Wechsel schmierig und liebenswert: Rupert Grünbauer) rettet am Ende die Disco vor der Abrissbirne.

Konsequent inszeniert

In "Xanadu" ist alles eben etwas anders. Legt man Doppelrollen gewöhnlich so konträr wie möglich an, werden in der schwungvollen Bearbeitung die Wesenszüge der Figuren charakterübergreifend konsequent durchgehalten. Die affektierte "Musenschwester" Johannes Aichinger gibt so den tuckigsten keulenschwingenden Zyklopen, dem man sich vorstellen kann.

Zusätzliche Qualität erhält das Stück durch Elemente der klassischen griechischen Komödie, wie die Verspottung von Göttern, kleine Spitzen gegen den Adaptionswahn des heutigen Musical-Theaters von Kultfilmen und clevere cineastische Verweise auf "Kampf der Titanen" und "Baywatch". Halsbrecherische Rollschuhfahren, variabel choreografierte Tanzszenen, wirkungsvolle Kulissen, eine ausgeklügelte Lichtchoreografie und peppige Kostüme zwischen Antike und 80er-Jahre-Modesünden sorgen für ein optisches Feuerwerk.

Auch das Happy End darf nicht fehlen. Doch zunächst ist Kira weg, ihr Kreidebild zerläuft im Regen. Sonny steigt ihr aber mit einer Klappleiter in den Olymp nach, wo Zeus (auch Grünbauer) gerade über sie richten will. Die Rettung ist schließlich die lispelnde Göttin Thetis (Katharina Stark), die glaubt, dass Aerobic-Stulpen den Tod ihres Sohnes Achilles verhindert hätten. Doch Kira trug die Accessoires an der einzig verletzbaren Stelle der Götter und war daher gegen den Liebesfluch immun. Eine bezwingende Logik, die die wahre Liebe Kiras und Sonnys beweist und Zeus Gnade walten lässt.

Begeisterung pur

Als der gesamte Cast schließlich die glückliche Wendung mit den legendären Titellied "Xanadu" besingt - und vom Publikum mit anhaltenden Standing Ovations gefeiert wird - ist klar: Die Musen haben der begeisternden Erstinszenierung ihre wohlwollende Unterstützung nicht versagt.