Presse - Nostalgie mit diesem kleinen Schelm

Daniel Grünauer

Datum:

23.06.2012


Medium:

Der Neue Tag


Donnernder Applaus bei Heinz-Erhardt-Szenenrevue des Landestheaters Oberpfalz – Ruppert Grünbauer überragend

Von Tobias Schwarzmeier

Vohenstrauß. Ein einzelner Heinz Erhardt scheint bei diesem großen Lebenswerk nicht auszureichen. Also stehen bei der schwungvollen Szenenrevue des Landestheaters Oberpfalz (LTO) gleich zwei Darsteller des Entertainers auf der Kammerbühne der Friedrichsburg, die einem nostalgischen Fernsehstudio der 50er Jahre nachempfunden ist. Mit Erfolg, denn der Funke springt gleich über.

In Daniel Grünauers vorerst letzter Inszenierung für das Landestheater fordert der Regisseur vor allem von Hauptdarsteller Ruppert Grünbauer Beachtliches. Denn das Unikum der deutschen TV-Geschichte, dessen eigenwilliger Witz untrennbar mit Mimik und Gestik und seiner Statur verschmolzen ist, kann unmöglich eins zu eins nachgeahmt werden.

„Aga-Aga-Aga Memnon“

Obwohl nahe am Original – von der Hornbrille über das Wippen mit den Füßen bis hin zur Twist-Einlage – gelingt es Grünbauer, das, was den Humor Erhardts ausmacht, zu vermitteln, ohne ihn parodieren zu müssen. Urkomisch bis ins Detail ist der schelmische Auftritt seinem Vorbild würdig.


Holger Popp als sein jüngeres, klavierspielendes Ich ist musikalisch und in witzigen Dialogen die ideale Ergänzung. Schon mit dem Namenskatastrophen-Song „Agamemnon“ – dem historischen Vorbild aller Kevin-Pascals – hat Grünbauer das Premierenpublikum im Griff, das ihn mit viel Szenenapplaus in der Folge zu einer Bravourleistung anstachelt. Hintersinnige Gedichte wie der Klassiker „Die Made“, das schwarzhumorige „Der Schauspieler“ oder der unsterbliche „Ritter Fips“ werden im rapiden Wechsel zwischen verschämt-koketten Wortverdrehern und dramatischen Ausbrüchen mit rollenden Augen und theatraler Donnerstimme zu einem intensiven Erlebnis.

Songs wie das alkoholgeschwängerte „Immer, wenn ich traurig bin“ oder das mit Pseudo-Anglizismen angereicherte „Fräulein Mabel“ lockern auf. Köstlich auch, wie dieser Erhardt im Sketch „Theaterstück in G“ nach Worten mit den richtigen Anfangsbuchstaben ringt und an der Fortsetzung in „W“ verzweifelt. Dabei trifft besonders eine aberwitzige Satzkonstruktion ins Schwarze: „Gut gegongt, Gruber.“

Spielfreudiges Ensemble

Denn die LTO-Debütantin Julia Gruber (23) bringt in der Rolle als genervte Regieassistentin Frische in die Inszenierung. Aber auch Sonja Hammer-Kölbl – das ständige Objekt von Erhardts Schmachten – und Reinhard Kausler als Schüler in Pennäleruniform, als betrogener Ehemann, englischer Lord und Aushilfsschlagzeuger überzeugen uneingeschränkt.

Statt einem reinen Gedichteabend, einem konzertanten Ansatz mit Stimmungsliedern oder gar einer multimedial inszenierten Künstlerbiografie entscheidet sich Grünauer in seiner Bearbeitung für einen anderen Weg. Sein – mit Texter Stefan Neubauer konzipierter – Heinz-Erhardt-Abend dauert nur eine Stunde. Es gibt einfach nicht mehr zu erzählen“, sagt der Regisseur dazu lapidar.

Stimmiges Gesamtbild

Und wirklich sagt die authentische Ausstattung mit dröge gemusterten Kostümen und Mobiliar mehr über die Wirtschaftswunderzeit aus als es ein Erzähler mit trockenen Fakten könnte. Biographische Informationen fließen angenehm zwischen passenden Gedichten ein. Nur der tragische Schlaganfall Erhardts, der dem Meister des kunstvollen Wortspiels 1971 seine Sprache raubte, bricht unvermittelt die Stimmung.

Auch auf der Bühne verstummt Heinz Erhardt für einen effektvollen Moment, ehe die Szenenrevue mit einem Potpourri von TV-Hits wie „Drei Mann in einem Boot“ und „Ein Rucksack voller Träume“ versöhnlich endet. Alle werden nur kurz angespielt. Doch die „Nostalgiefetzen“ reichen, um das auch in der Kürze stimmig vermittelte Gesamtbild abzurunden.