Presse - Schräge Typen und Weidener Befindlichkeiten

Daniel Grünauer

Datum:

17.01.2013


Medium:

Der Neue Tag


Drei Kulturschaffende, ein Konzept: Landestheater inszeniert Thomas Klupps Roman „Paradiso“ – Premiere am 15. Februar

Von Tobias Schwarzmeier

Weiden. Mit Skandalen ist die Weidener Kulturszene vertraut. Denn lange vor aufgeheizten "Massenprotesten", wie beim Auftritt eines Radiomoderators vor Kurzem, sorgten immer wieder einzelne Werke für heftige Diskussionen. 2008 schlug die Veröffentlichung von "Paradiso" von Thomas Klupp (35) große Wellen. Nun bringt das Landestheater Oberpfalz (LTO) den skandalumwitterten "Weidener Roman" auf die Theaterbühne.

Das Theaterstück, das am 15. Februar im Weidener Jugendzentrum (JUZ) Uraufführung hat, erzählt von Alex Böhm, der aus der Enge der Kleinstadt ausbricht und in Berlin landet. 15 Jahre später trampt Böhm nach München und gerät unwillkürlich auf eine Reise in die Vergangenheit und landet schließlich wieder in seiner Oberpfälzer Heimatstadt. "Es geht um einen Typ, der ein System von Blendung und Täuschung aufbaut, das er selbst nicht kontrollieren kann", sagt Thomas Klupp, der selbst seit 15 Jahren in Berlin lebt.

Eine Geschichte nicht über Weiden, aber teilweise in Weiden spielend - Klupp kann sich noch an den Wirbel erinnern, den das Buch anfangs verursachte, die tief empfundene persönliche Kränkung Einzelner aber auch heute noch nicht verstehen. "Einige Leute haben fälschlicherweise geglaubt, sich in den auch negativen Figuren wiederzuerkennen, doch die schrägen Typen mit leisen Nuancierungen gibt es überall", erzählt der Literaturwissenschaftler. "Ich hatte auch Lesungen in der Schweiz und Österreich, wo die Leute spontan sagten: "Den kenn' ich." Etwas Lokalkolorit beinhaltet das Werk aber doch, gibt Klupp lächelnd zu: "Bei den Räumlichkeiten ist es etwas anderes, die haben mich inspiriert. Das ,Kellerloch' im Buch ist eins zu eins das Café ,Blaugold'. Aber das ist positiv gemeint. Da habe ich in meiner Jugend viel Zeit verbracht."

Weder der damalige Hype noch etwaige Bezüge zu Weiden machten Daniel Grünauer auf das Buch aufmerksam. "Paradiso ist ein Buch, das Bekannte sich untereinander empfehlen. So habe ich es bekommen und hatte beim Lesen immer ein Schmunzeln auf den Lippen", schwärmt Grünauer. "Viele junge Leute, die in kleinen Städten aufgewachsen und dann in die weite Welt gegangen sind, setzen es mit sich in Bezug." Gerade dieser universelle Charakter des Erwachsenwerdens beeindruckte den Dramaturgen und weckte den Wunsch, den Roman für die Theaterbühne zu adaptieren.

Die Gefahr, dass bei der Fülle an Ideen, Gedanken und Motiven aus der Romanvorlage Klupps, der Bühnenfassung Grünauers und der Regie-Bearbeitung Wagner-Müllers ein nicht völlig stimmiges Stück entstehen könnte, verneinen alle drei unisono. "Die Bühnenfassung lehnt sich nahe an den Originaltext an. Dass die Hauptfigur die Geschichte erzählt, machte es einfacher", erläutert Grünauer. Schwieriger war es, die 200 gehaltvollen Buchseiten zu verdichten. "Es war nicht leicht, denn während Böhm physisch vorwärts und in der Erzählung rückwärts in der Zeit geht, entsteht eine komplexe, aber reizvolle Kreuzbewegung."

János Kapitány verkörpert den charismatischen Protagonisten, der auch Wagner-Müller fasziniert: "Man fragt sich ständig, warum er schon wieder lügt und wie er es schafft, immer noch unsympathischer zu werden." Allzu viel will die Regisseurin über die Umsetzung ihrer ersten Regiearbeit für das LTO noch nicht verraten. "Es ist aber spannend, wie gut die jungen Darsteller in die Rollen passen und sich ausprobieren."

Dabei ist der Stoff nicht nur für junge Leute. "Natürlich haben Zuschauer zwischen 18 und 40 Jahren mehr Anknüpfungspunkte an die Lebenssituation", sagt Wagner-Müller. "Aber wenn Lebensentwürfe am Tageswerk scheitern, kann das jeder nachvollziehen. Es ist einfach spannendes Kopfkino, das wir erzeugen."