Presse - Höllentrip zum Baggersee

Daniel Grünauer

Datum:

17.02.2013


Medium:

Mittelbayerische Zeitung


Thomas Klupps Roman „Paradiso“ als Theaterstück in Weiden: Das LTO pendelt gekonnt zwischen Oberflächen-Witz und tiefsten Abgründen des jungen Antihelden.

Von Reinhold Willfurth, MZ

WEIDEN. Wie leicht es sich mit der Lüge lebt: Warum sich mit komplizierten Erklärungen aufhalten über gescheiterte Beziehungen und Berufsträume, wenn‘s auch einfacher geht? Alex Böhm ist der junge Star-Architekt seines eigenen Lügengebäudes, er haut sie nur so raus, die Flunkereien, die Halbwahrheiten, die Ausflüchte und die Falschaussagen, und er lebt scheinbar gut damit. Der zynische Filmstudent aus der Oberpfalz macht sich auf den Weg von Berlin zum Flughafen München, wo seine neue Flamme auf ihn wartet, um gemeinsam in den Urlaub zu fliegen. Schöne Aussichten.

Pech für Alex, dass ihn seine Mitfahrgelegenheit im Stich lässt – und Glück für den Leser von „Paradiso“. Im allseits gefeierten Romandebüt des jungen Weidener Autors Thomas Klupp kommt Alex nämlich an diesem Abend nur bis in seine Heimatstadt Weiden. Und dort beginnt sein Lügengebäude zu bröckeln. Bruchstücke davon bringen Alex an den Rand des Wahnsinns und begraben die Beziehungen zu den Menschen, die ihm am nächsten stehen, unter sich. Ein Höllentrip zum „Paradiso“, dem idyllischen heimischen Baggersee und Schauplatz des traurigen Höhepunkts des Buches, schnoddrig und entlarvend ehrlich erzählt aus der Perspektive des Antihelden.

Ein Roadmovie auf der Bühne

Kein leichtes Unterfangen, dieses Roadmovie adäquat auf die Bühne zu bringen. Das Landestheater Oberpfalz (LTO) hat die Herausforderung angepackt und gewonnen, auch wenn es, bedingt durch die Struktur der Vorlage, stellenweise eng wurde. Dem Stückeautor Daniel Grünauer ist es gelungen, den Humor, das wichtigste rhetorische Element dieses Höllentrips, in die Bühnenfassung zu übertragen. Das liegt auch daran, dass er sich eng an den Text der Buchfassung gehalten hat, dessen Humor von der Fallhöhe zwischen dem großspurigen Gerede von Alex und der Wirklichkeit lebt. Das funktioniert auf der Bühne überraschend gut, auch wenn das Timing an manchen Stellen unter dem permanenten Redefluss des hyperaktiven Alex leidet. Doch gerade das macht ja das Wesen dieses Arschlochs aus, der seine Umwelt gnadenlos ausnutzt und über Jeden und alles lästert.

Brillant gespielte Archetypen

Dass alle immer wieder hereinfallen auf diesen Alex, liegt an dessen charmanter Art. Janos Kapitany spielt diese zwiespältige Figur überwältigend präsent. Ein Sonnyboy, hinter dessen hübscher Fassade die Abgründe und Depressionen stets hervorlugen. Überhaupt ist es Regisseurin Marlene Wagner-Müller gelungen, ihre Darsteller in satirisch überzeichnete, aber höchst authentische Bühnenfiguren zu verwandeln – Archetypen junger Leute in Kleinstädten eben, wie sie in Kelheim, Cham, Schwandorf und Weiden genauso vorkommen wie in Landsberg am Lech, Leer/Ostfriesland oder Lüneburg. Hier wie dort gibt es geistige Ödnis, braun verkleidete Reihenhäuser und „gehobene“ Viertel im tristen Schöner-Wohnen-Einheitsstil. Umso lächerlicher war teilweise die Reaktion mancher Weidener Lokalpatrioten angesichts der „Nestbeschmutzung“ ihrer Stadt durch Klupps Buch.

Das praktisch nicht existente Bühnenbild im Weidener Jugendzentrum – der Ort aus der (Raum-)Not geboren, aber nicht nur für dieses Stück perfekt geeignet – und die monotone Tonkulisse fordern aber auch Höchstleistungen von den Schauspielern. Beispiele dafür liefern auch Ella Schulz, die eine tschechische Prostituierte ebenso berührend spielt wie die von Alex ausgebeutete Weidener Freundin Leni, oder Sophia Mindel als gutmütige Hippie-Eso-Tante, oder Lukas Höllerer als Provinzler, der es in der großen Welt zum Premium-Programmierer gebracht hat, seine Herkunft aber nicht verleugnen kann („Super sorry, gell?“).

Zum düsteren Höhepunkt des Buchs wie des Stücks mit tragödienhafter Anmutung wird die nächtliche Vergewaltigung von Leni und der versuchte Totschlaga an Alex‘ bestem Freund Simon. Verbrannte Erde hinterlassend, flüchtet Alex in Muttis BMW via Pfaffensteiner Tunnel in Richtung „MUC“. Ausgerechnet ein Pfarrer (köstlich überzeichnet: Uli Scherr) bringt ihn bis zum Flughafen. Da funktioniert das Lügensystem bereits wieder: Alex erzählt dem Pfarrer, er dürfe seinen Flug nach Jerusalem nicht verpassen. Ein Lacher am Schluss – in einem Stück mit offenem Ende, in dem hoffentlich noch vielen Zuschauern das Lachen im Munde stecken bleiben wird.