Presse - Egotrip ohne jegliche Moral

Daniel Grünauer

Datum:

18.02.2013


Medium:

Der Neue Tag


Viel Beifall für stimmige Uraufführung von "Paradiso" des Landestheaters Oberpfalz im Weidener Juz.

Von Tobias Schwarzmeier

Weiden. Die Straße zwingt zum Nachdenken. Während Kilometer um Kilometer abgerissen wird, setzt irgendwann die Selbstreflexion ein. Für Alex Böhm wird die Reise zum Strudel, der auch das Publikum bei der Uraufführung von "Paradiso" im atmosphärischen Jugendzentrum (Juz) erfasst. Denn die faszinierende Hauptfigur des gleichnamigen Romans von Thomas Klupp lügt sich schamlos jede Situation zurecht. Als Böhm reell mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, die er hinter sich ließ, gerät die Gewissenserforschung zur Farce.

Gehaltvolle Geschichte

Böhm will keinesfalls nach Weiden, sondern rechtzeitig nach München, um mit seiner Freundin Johanna (überzeugend gespielt von Barbara Trottmann) in den Urlaub zu fliegen. Doch schicksalhaft zieht seine Irrfahrt per Autostopp den Getriebenen unwiderstehlich in jenes Kaff seiner Jugend nahe der tschechischen Grenze.

Marlene Wagner-Müller setzt in ihrer ersten Regiearbeit für das Landestheater Oberpfalz (LTO) die gehaltvolle "Coming of age"-Geschichte sehr werkgetreu um. Die Regisseurin verdichtet die Detailfülle der Bühnenfassung des ehemaligen LTO-Dramaturgen Daniel Grünauer zu einem temporeichen, 90-minütigen Roadmovie. Dabei hilft das exzellente Ensemble, die Klippen der komplexen Vorlage mit gegenläufigen Handlungsebenen und kaum unterbrochener Monologform mit Alex als Erzähler zu umschiffen.

Der glänzende János Kapitány spielt den egoistischen Unsympathen derart überzeugend, dass bei den über 100 Zuschauern der Wunsch wächst, ihm eine Abreibung zu verpassen. Ein Spiel, das auch seine Mitstreiter fordert, die oftmals als stumme, aber mimisch ausdrucksstarke Staffage eine Angriffsfläche für den Egomanen bieten müssen. Diese unwiderstehliche Strahlkraft der Szenen überspielt auch kleinere Schwächen der unterhaltsamen Inszenierung. So mildert die pornogeschwängerte Begegnung Alex' mit einem Rockerpärchen (urkomisch: Trottmann und Uli Scherr) das verwirrende Staccato an Ortwechseln im ersten Teil. Doch der Regisseurin gelingt es - als Böhm schließlich Weiden erreicht -, den Plot zu schärfen. Die Atmosphäre wird zunehmend dichter, das körperliche Spiel der Darsteller intensiver. Das Kopfkino setzt ein.

Kein neuer Skandal

Alex' bittere, aber dezente Abrechnung mit "seiner" Stadt sowie eine gehörige Portion Sex, Drogen und Gewalt provozieren in der Bühnenversion des Romans, der lokal große Wellen schlug, jedoch keinen neuen Skandal. Trotz etwas Lokalkolorit durch leichte Reminiszenzen an Orte und Personen ist die Universalität der Geschichte gut herausgearbeitet. Kleinere Spitzen gegen die provinzielle, mit Thujenhecken umzäunte Gutbürgerlichkeit Weidens verschwinden in einem großen Tiegel mit Problemen Heranwachsender. Witzig-skurrile Stereotypen (Sofia Mindel als überspannte Hippie-Tussi oder Scherr als tschechischer Zuhälter) und die zeitlich widersprüchliche Ausstattung zwischen Ballonseide-Trainingsanzug und Video-Handys tun ihr Übriges.

Die Schlüsselszene einer Party an einem Baggersee, dem "Paradiso", macht zuletzt die Widersprüchlichkeit im Charakter des Antihelden sichtbar. Im Inneren sehnt er sich zurück nach zufriedeneren Zeiten mit der Liebe seines Lebens Leni und seinem Freund Simon. Doch obwohl er die Chance bekommt, sich mit Leni (Ella Schulz mit bewegendem Spiel) zu versöhnen, versiebt er es. Alex schläft mit ihr, nur um sie danach mit Lügen noch mehr zu verletzen.

Simon (Lukas Höllerer verkörpert ihn stark), der ihn zur Rede stellt, schlägt er im Jähzorn brutal zusammen. Die Zerrissenheit siegt - wieder einmal. Gleichgültig nimmt Böhm den endgültigen Verlust seiner Freunde hin. Während er die Abfahrt aus seinem Egotrip verpasst, wartet das mitgerissene Publikum vergebens auf Böhms Läuterung oder einen Dämpfer. Doch selbst als sein Auto beim Rasen im Drogenrausch kurz vor München liegen bleibt und er in einen Gottesdienst platzt, fährt ihn der Pfarrer persönlich zum Flughafen. "Niemand ist wie Alex Böhm, aber in jedem von uns steckt etwas von ihm", beschreibt Klupp die stark überzeichnete Hauptfigur.

Doch die fehlende Empathie verhindert, dass der Zuschauer seine eigenen dunklen Seiten hinterfragt. Eine Moral hat das Stück, wie sein Protagonist, folgerichtig keine. Die naheliegende Botschaft - "Sei ein Arschloch, und du bringst es weit" - passt hier nicht. Denn statt sich weiterzuentwickeln, dreht sich Alex Böhm im Kreis: Die Schlussszene ist symbolträchtig identisch mit dem Beginn des Stücks. Es scheint, als sei er noch lange nicht fertig mit Weiden.