Presse - Der Drecksack mit den sympathischen Zügen

Daniel Grünauer

Datum:

15.02.2013


Medium:

Mittelbayerische Zeitung


SCHAUSPIEL Das Landestheater Oberpfalz bringt Klupps „Paradiso“ auf die Bühne.

Von Reinhold Willfurth, MZ

WEIDEN. Als Marlene Müller-Wagner kürzlich müde aus der Probe wankte, wurde sie plötzlich wieder hellwach. Ein junger Bursche sprach sie auf Englisch an im Weidener Jugendzentrum, das die US-Regierung im Kalten Krieg als Geschenk an die Stadt Weiden bauen ließ. Der Bursche war Amerikaner, Sohn eines GI aus der nahen US-Garnison Grafenwöhr. Seine Freundin stellte sich vor. Sie sprach Russisch – die Sprache des einstigen Feindes.

Für die Regisseurin Müller-Wagner ist dieses kleine Wunder ein weiterer Beweis dafür, wie lebendig dieser Spielort ist und welch gute Wahl für die Uraufführung eines Stücks darstellt, dessen Rollenvorbilder im wirklichen Leben hier vor ein paar Jahren noch im Original herumschlurften. Denn das Thema von „Paradiso“ ist die Adoleszenz in der Provinz, eine zuweilen steinerne, manchmal auch bleierne Zeit, wie jeder weiß, der außerhalb der Metropolen aufgewachsen ist. Und der Held in Thomas Klupps gefeiertem Buch-Erstling, dessen Dramatisierung das Landestheater Oberpfalz (LTO) heute Abend auf die Bühne bringt, ist zufällig ein Weidener: Alex Böhm heißt er, Rotzlöffel, Egoist, Frauenaus- und -benutzer einerseits, irgendwie sympathischer, mit viel Humor geschilderter Loser andererseits.

Alex und seine Weidener Freunde wird es bei der Uraufführung gleich zweimal geben: Auf der Bühne, verkörpert von Janos Kapitany und fünf weiteren LTO-Schauspieltalenten, und mehr oder weniger anonym im Publikum verteilt die Vorbilder für die „Paradiso“-Bewohner. Für die Regisseurin war die Begegnung mit den Vorbildern für die Protagonisten des Buchs „ein Schock“, wie sie zugibt: „Das waren schon fast zu viele Eindrücke“.

Dabei kann Müller-Wagner, geboren und aufgewachsen in Ihrlerstein bei Kelheim, selber ein Lied singen über die universelle Ödnis und Langeweile der Kleinstädte, über die Sehnsüchte der jungen Leute, in der großen Welt da draußen ihr Glück zu machen. Dass auch die große Welt kleinlich, kalt und gemein sein kann, ist Teil der obligatorischen Desillusionierung, die Held Alex ebenso durchmacht wie die realen Talente aus der Provinz, die ausziehen, um in Berlin, München und anderswo das Fürchten zu lernen.

Auch Daniel Grünauer, der das Oberpfälzer Roadmovie in Worten in die Bühnensprache umgesetzt hat, stammt vom Land und wähnte sich wie jeder Gymnasiast in der nächstgrößeren Stadt bereits den „Bauern“ daheim überlegen, wie er sich erinnert. Er kennt also das Lebensgefühl der Protagonisten gut, weil er einer von ihnen war. Und er kennt auch schon die „große Welt“, wenn auch vielleicht nur den Anfang davon: Seit Herbst ist Grünauer Dramaturg am Stadttheater in Ulm. Man kann also gespannt sein auf die Umsetzung dieses Gedankenmonologs eines jungen Manns, „der seine Gedanken nicht zu Ende denkt“ (Grünauer).

Die Geschichte beginnt am Flughafen München, von wo aus sich Antiheld Alex abzusetzen gedenkt in die noch etwas größere Welt. In der großen Welt Berlin, dem Ausgangspunkt der Erzählung, ist er bereits gescheitert.
Zwischen den beiden Metropolen liegt der Höllentrip in die alte Heimat Weiden. Dort brechen seine Lügengebäude zusammen, und er bricht in eine völlig ungewisse Zukunft auf.