Presse - Gemeinsam ist gemein am schönsten

Daniel Grünauer

Datum:

04.05.2013


Medium:

Südwest Presse


Gemeinsamkeit ist schön. Gemeinheit weniger. Mit dem Begriffspaar spielen die Texte des Schreibwettbewerbs "Macht uns ne Szene".

von Renate Frister

Ulm. "Wir wollten ihn eigentlich nicht umbringen." Keiner will es gewesen sein, alle weisen die Schuld von sich. Aufgebracht schreiend versucht eine Schülerin, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen. Dass Mobbing auf Facebook einen Selbstmord zur Folge haben kann, damit hat niemand gerechnet.

Diese Szene führt drastisch vor Augen, welche Macht die Gemeinschaft über den Einzelnen hat. Wie kann das Wort "gemein" das gleiche bedeuten wie "boshaft", wenn es doch dem Ausdruck "gemeinsam" entlehnt ist? Diese Frage inspirierte die jungen Autoren Hester Hanekamp, Jana Wick, Maximilian Below und Urs Humpenöder zu ihren Textbeiträgen zum Schreibwettbewerb "Macht unsne Szene". Zusammen mit Regisseur Daniel Grünauer und Dramaturg Christian Keller entwickelten sie daraus ein Theaterstück, das jetzt im Podium des Theaters Ulm gezeigt wurde.

"Gemeinsam - ein Wort. Gemeinsam - eine Bewegung. Gemeinsam - ein Blick." Ein rhythmischer Chor verbindet die Szenen, in denen Hester Hanekamp, Sonja Honold, Marianne Mai, Kathi Pfandl und Patricia Zindl Situationen aus der Lebenswelt der Jugendlichen zeigen: Ein Kind sorgt sich um einen Obdachlosen am Straßenrand, doch die Stimmen aus der Gesellschaft halten es zurück. Eine Schulklasse grenzt eine Schülerin aus, wendet ihr den Rücken zu. Die Mädchen tragen alle schwarze, uniforme Kleidung, nur die "Streberin" hebt sich ab (Bühne und Kostüme: Britta Lammers).

Die Texte zeugen von Selbstzweifeln der Jugendlichen und ihrer Suche nach dem eigenen Ich. Die goldenen Folien des Bühnenbildes (Thermo-Rettungsdecken) dienen als Deckung, aber auch als Wurfgeschosse. Das Stück zeige jedoch nicht nur die negativen Seiten einer Gemeinschaft, denn das Wichtigste sei es, den Sachverhalt zu erkennen, sagt Daniel Grünauer und zitiert den Philosophen Adorno: "Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles."