Presse - Frühlings Erwachen Version 2010 - Kammerspiel in Schloss Friedrichsburg

Daniel Grünauer

Datum:

12.07.2010


Medium:

Der Neue Tag


Mutige Inszenierung von Wedekinds Drama durch das Landestheater Oberpfalz

Von Tobias Schwarzmeier

Vohenstrauß. Melchior ist völlig am Ende. Seine Freundin Wendla stirbt bei einer Abtreibung, sein bester Freund Moritz erschießt sich. Und auch für ihn – den abgestempelten Sündenbock – wäre es nur noch ein kleiner Schritt.

Doch beileibe kein einfacher, denn der jugendliche Protagonist (János Kapitány) in "Frühlings Erwachen" – das am Freitag in der Friedrichsburg in Vohenstrauß Premiere feierte – hat jegliche Richtung verloren.

In einer gewagten Inszenierung der Burgfestspiele Leuchtenberg im Landestheater Oberpfalz kämpfen vermeintlich aufgeklärte Teenager mit dem Erwachsenwerden. Vom planlosen Drill einer erzkonservativen Gemeinschaft erdrückt, leiden sie unter den typischen Jugendproblemen wie Zukunftsangst, Tristesse, Leistungsdruck und langsam erwachenden sexuellen Gefühlen.

Zeitloses Thema

Trotz zeitloser Tabu-Themen wie jugendliche Schwangerschaften, Gewalt in der Familie, Mobbing oder Homosexualität bleibt es eine große Herausforderung, die eng mit der restriktiven Gesellschaft der Jahrhundertwende verbundene Tragödie Frank Wedekinds in die heutige Zeit zu transportieren.

Doch Regisseur Daniel Grünauer gelingt dies nahezu vollständig, zumal sich sein spielfreudiges Ensemble sichtlich an der schwierigen Vorlage reibt und ihr mit ausgeformten Charakteren eine eindringliche Authentizität verleiht. Etwas widersprüchliche Aspekte wie der des Internet bloggenden und zugleich völlig unbedarften Moritz (glänzend: Lukas Höllerer) überdeckt der Dramaturg nicht mit konstruierten Handlungskrücken, sondern überzieht die Situationen extrem.

Nahe am Storchenbiss rätseln die Heranwachsenden daher – nicht ohne eine unterschwellige Komik – über Fortpflanzung, Beziehungen und Identität. Bis zwei Todesfälle einen blutroten Fleck auf dem unschuldigen Weiß ihrer Gemüter hinterlassen.

Keine Orientierung

Die ignoranten Erwachsenen, unentschlossen zwischen hippiehafter Leichtigkeit und "neuer Prüderie", bieten ihren Kindern keine Orientierung. Als Wendla (Theresa Stahl mit bewegendem Spiel) schwanger wird, reagieren sie hilflos und drastisch. Melchior landet im Bootcamp, das Mädchen muss abtreiben.

Zerrieben zwischen Unschuld und falschen Schuldgefühlen verschmelzen für den geflüchteten Melchior an Wendlas Grab harte Realität und innere Zerrissenheit zu einem symbolischen Wettstreit mystischer Erscheinungen. Während der tote Moritz ihn mitnehmen will, plädiert ein (un-) vermummtes Liebespaar für ein ungewisses aber spannendes Leben. Anders als Moritz, der die letzte Rettung durch die lebensfrohe Ilse (lasziv: Michelle Völkl) ausschlug, entscheidet er sich für das Leben.

Kapitány brilliert in seiner zweiten Leuchtenberger Hauptrolle als verzweifelter Suchender, während Höllerer in seine aufwühlende Darstellung alle Schwankungen eines ungeformten jugendlichen Charakters legt.

Audiovisuelle Effekte

In seiner modernen Bearbeitung verstärkt das Stück die Motive aus Wedekinds Vorlage durch starke audiovisuelle Effekte wie die Videoeinblendungen von Rathindran Prasad und Michael Höllerer. So macht am Ende nicht nur Melchior mit "Frühlings Erwachen" einen großen Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Mit expliziten Szenen wie dem Live-Stöhnen von Johannes Aichinger alias Thomas zu eingeblendeten erotischen Masturbationsphantasien zeigt das junge Landestheater, dass es erneut einen großen Schritt zur Emanzipation vom "braven" ländlichen Theater gemacht hat.