Presse - Die letzten Fragen schmerzen

Daniel Grünauer

Datum:

04.04.2014


Medium:

Neu-Ulmer Zeitung


Ein Sterbehilfe-Prozess erregt derzeit in Ulm bundesweites Aufsehen. Auch das Theater widmet sich mit „Der gute Tod“ dem Thema, das vor allem den Hauptdarsteller bewegt.

Von Marcus Golling

Dramaturg Daniel Grünauer ist von dem zufälligen Zusammentreffen beeindruckt. „Es ist ein Glücksfall, wenn das Theater bei so einem Thema so nah an der Realität ist.“ Er selbst entdeckte das Stück vor drei Jahren in Regensburg – und erlebte dabei nach eigenen Angaben einen „Aha-Moment“. Denn das Stück, dessen Titel die wörtliche Übersetzung des griechischen Begriffs „Euthanasie“ ist, sei auch ohne den Ulmer Prozess schon hochaktuell. Denn die Debatten um das Für und Wider der Sterbehilfe flammen derzeit überall in Europa auf – zuletzt etwa in Belgien, wo nach einem Gerichtsurteil nun auch Kinder unter bestimmten Bedingungen den begleiteten Weg in den Tod wählen können.

„Der gute Tod“ spielt in den Niederlanden, wo die aktive Sterbehilfe, also die gezielte Herbeiführung des Todes auf Wunsch einer Person, schon seit 2002 legal ist – wenn sie ein Arzt unter Einhaltung der gesetzlichen Sorgfaltskriterien leistet. Eine ähnliche Rechtslage gibt es in Europa sonst nur noch in Belgien und Luxemburg. In Deutschland ist aktive Sterbehilfe verboten, auch wenn die politische Debatte darüber zuletzt wieder in Gang gekommen ist. Vielleicht auch eine Frage des Zeitgeistes. Dramaturg Daniel Grünauer: „Durch die Errungenschaften der Medizin ist es heute möglich zu bestimmen, wann ein Kind auf die Welt kommt. Natürlich überlegen die Menschen dadurch auch, den Zeitpunkt ihres Todes zu planen.“

In dem Stück, das bei all seiner Tragik durchaus auch unterhaltsame, ja sogar komische Momente hat, geht es um dem krebskranken Bernhard. Dieser hat seinen Arzt, gleichzeitig ein langjähriger Freund, damit beauftragt, ihm ein tödliches Gift zu injizieren, um seinen unerträglichen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Um ihn sammeln sich seine sehr verschiedenen Brüder und seine Tochter und seine Geliebte. Sie wollen dem Todgeweihten einen letzten Abend voller Leben bereiten. Und geraten doch immer wieder in Diskussionen um den Sinn des Unterfangens. Denn die Fragen sind im Raum: Hat Bernhard wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Wurde er gar zu dieser unumkehrbaren Entscheidung gedrängt? Darf ein Arzt einen Menschen töten? Und natürlich: Wie sollen die Hinterbliebenen mit dem Tod des Geliebten, Bruders und Vaters umgehen?

Die Rolle des unheilbar kranken Bernhard spielt Maximilian Wigger-Suttner, der erst vor zweieinhalb Jahren seinen eigenen Vater an den Krebs verlor. Der Schauspieler hat sich schon ganz konkrete Gedanken gemacht, was er tun würde, steckte er in der Situation seiner Figur. „Ich habe jemanden, mit dem ich vereinbart habe, dass wir uns gegenseitig helfen würden.“ Erst vor Kurzem musste Wigger-Suttner seinen Hund einschläfern lassen – auch das Tier hatte Krebs. Ein Moment, in dem sich der Schauspieler auch Gedanken über die „Doppelmoral“ in der deutschen Gesellschaft machte: „Warum sollte man nicht auch den Menschen helfen dürfen?“ Doch ganz unerschütterlich ist auch Wigger-Suttners Urteil nicht. Auch ihm bereitet es Kopfzerbrechen, dass mit der Sterbehilfe auch Schindluder getrieben werden könne. Auch Antje Thoms, die „Der gute Tod“ im Podium inszeniert, hat Zweifel. „Vor dem Stück dachte ich, ich hätte zum Thema Sterbehilfe eine ganz klare Haltung“, sagt sie. „Doch je mehr man dazu liest, desto diffuser wird es.“ Deswegen schätzt Thoms auch, dass „Der gute Tod“ kein Urteil fällen und keine Entscheidungshilfe sein, sondern ein „privates Nachdenken in Gang setzen“ will.

Im Ulmer Schwurgericht, dessen Arbeit im Sterbehilfe-Fall die Theaterleute natürlich verfolgen, geht es freilich um mehr: Das Urteil, das Ende Juni erwartet wird, entscheidet nicht nur über die Zukunft von zwei Menschen. Eine Einzelfallentscheidung, so Experten, könnte gravierende politische und juristische Folgen haben. Die Schauspieler am Theater Ulm müssen nur spielen. Aber das ist bei einem emotional aufwühlenden Stück wie „Der gute Tod“ schwer genug, wie Hauptdarsteller Wigger-Suttner berichtet. Vor allem das Zusammenspiel mit Johanna Paschinger, die als Bernhards Tochter zu sehen ist. „Ich kann alles ertragen, aber wenn ich die Johanna ansehe, muss ich an meine eigene Tochter denken“, sagt Wigger-Suttner. „Da muss ich mich zusammenreißen, dass mir nicht die Rotze läuft.“