Presse - In der Kampfzone der Alphatiere

Daniel Grünauer

Datum:

23.02.2015


Medium:

Neu-Ulmer Zeitung


„Die Grönholm-Methode“ blickt tief in die Welt der Manager – ein packendes Stück Gegenwartstheater.

Von Marcus Golling

Was ist die wichtigste Qualifikation, um es in der Welt der multinationalen Konzerne ganz nach oben zu schaffen? „Die Grönholm-Methode“ gibt darauf eine deutliche Antwort: Man muss, pardon, ein Arschloch sein. Keine Neuigkeit, gewiss. Doch so drastisch und gleichzeitig unterhaltsam wie das viel gespielte Stück des katalonischen Autors Jordi Galceran haben dies noch nicht viele Bühnenwerke thematisiert. Nun ist das 2003 uraufgeführte Kammerspiel unter der Regie von Daniel Grünauer auch in Ulm zu sehen.

Das Theater hat für das Stück einen unverbrauchten Spielort gewählt: einen geräumigen Konferenzraum im Erdgeschoss des SWU-Gebäudes K3 an der Karlstraße in Ulm – derzeit vermutlich das Bauwerk in der Stadt, das optisch am nächsten an die Zentrale eines Weltkonzerns heranreicht. Den kühlen Saal mit seinen weißen Wänden hat das Theaterteam fast unverändert gelassen, ein Tisch in der Mitte, ein paar Stühle, zwei Sessel und eine Lampe sind das einzige Mobiliar. Die Zuschauer sitzen auf allen Seiten um das Geschehen herum. Theatralik: Fehlanzeige. Was das Publikum zu sehen bekommt, ist der kalte Realismus der Wirtschaft.

Dabei steht am Anfang von „Die Grönholm-Methode“ eine geradezu kafkaeske Situation: Vier Bewerber um einen üppig dotierten Managerposten treffen in dem Hochhaus eines Möbelkonzerns aufeinander. Doch statt eines normalen Einstellungsgesprächs wird das Quartett – drei Männer (Jörg-Heinrich Benthien, Gunther Nickles und Wilhelm Schlotterer) und eine Frau (Tini Prüfert) – mit verschiedenen Aufgaben und Rollenspielen konfrontiert, die anonym aus einer Schublade in der Wand zugestellt werden. Was genau von den Bewerbern erwartet wird, steht nicht in den Anweisungen. Aber zwei wichtige Informationen: Wer den Raum verlässt, ist raus. Und einer von ihnen ist angeblich ein Spion der Personalabteilung.
In den Assessment-Centern der freien Wirtschaft sind ähnliche Vorgehensweisen üblich, doch „Die Grönholm-Methode“ treibt es auf die Spitze: Die einzelnen Spiele verlangen von den Kontrahenten, sich gegenseitig auszutricksen, möglichst empathiefreie Entscheidungen zu treffen – und sich selbst als kühlen Macher oder empfindsamen Menschen zu inszenieren, ganz wie es die Situation erfordert. Was echt ist, interessiert im Revier der Alphatiere nicht. Nur, was funktioniert.

Das Ensemble agiert in diesem Thriller stets glaubwürdig, wobei Wilhelm Schlotterer als der sensible Carlos Bueno und Jörg-Heinrich Benthien als der eiskalte Karrierist Fernando Porta herausragen. Letzterer lässt jeglichen Respekt vor seinen Mitmenschen vermissen und kommentiert die Bewegungen seiner Konkurrentin Mercedes Degás gerne mit einem Zungeschnalzen. „So einen Arsch wie Sie findet man nicht alle Tage“, wirft ihm diese entgegen. Wenn man so will, ein Lob.

Zynisches Finale

„Die Grönholm-Methode“ ist vom komödiantischen Beginn bis zum zynischen Finale ein spannendes Kammerspiel, das wichtige Fragen aufwirft. Welche Rolle spielt Ethik in der Unternehmensführung? Ist Menschlichkeit in einem kapitalistischen System nur eine Schwäche? Was für einen Menschentypus bringt ein solches System hervor? Theater am Puls der Zeit.