Presse - Jetzt gegen Jenseits

Daniel Grünauer

Datum:

28.04.2015


Medium:

Neu-Ulmer Zeitung


Beim Dichterduell „Poetry! Dead or alive?“ im Theater Ulm ziehen die toten Poeten den Kürzeren. Vielleicht auch, weil die Jury nicht auf der Wellenlänge mit dem Rest des Publikums lag.

Von Marcus Golling

Man musste schon ein bisschen genauer hinschauen, um nicht an eine Wiederauferstehung des Lieblingskomikers Nachkriegsdeutschlands zu glauben. Denn natürlich war es nicht der echte Heinz Erhardt, der sich da um Kopf und Kragen witzelte. Es war Schauspieler Gunther Nickles, an diesem Abend ein Vertreter der toten Dichter. Zum vierten Mal traten diese im Großen Haus des Theaters unter dem Motto „Poetry! Dead or alive?“ gegen Poetry-Slammer von heute an. Und erwiesen sich dabei als quicklebendig.

Ein paar Sachen waren neu an diesem Abend, an dem das Theater voll mit Schülern und Studenten war. Zum einen die Moderation: Schauspiel-Dramaturg Daniel Grünauer hat von seinem Vorgänger den Platz an der Seite des Slam-Paten Ko Bylanzky übernommen. Und er hat sich Verstärkung geholt: zum einen seinen Kollegen Benjamin Künzel, der zwischen den Darbietungen die „Muppet Show“-Melodie klimperte, und Assistentin Susi, die unter ihrem richtigen Namen Julia Baukus demnächst das Schauspielensemble verstärkt. Geblieben sind die Grundregeln: Je vier tote und lebendige Dichter tragen ihre Texte vor, die von einer Jury aus dem Publikum mit maximal zehn Punkten bewertet werden können. Die jeweils Punktbesten der beiden Kategorien, die jeweils abwechselnd antreten, liefern sich dann ein Finale, bei dem dann das Publikum mit seinem Applaus entscheidet.

Für die Fraktion der Lebenden hatte Co-Organisator Bylanzky namhafte Slammer verpflichtet. Und die hielten durchaus, was sie versprachen: David Friedrich aus Hamburg bot gereimte Comedy aus dem Fitness-Studio, Theresa Hahl ein Stück heidelbeerblaue Poesie. Gute Slam-Qualität. Dann aber die Österreicherin Lisa Eckhart, die mit ihren Gothic-Outfit, blondierter Undercut-Frisur und einem (!) Lederhandschuh mehr nach Gruft aussah als die toten Dichter – und noch dazu die richtige Theatralik für die große Bühne beherrschte. Ihr Text erzählte, wie der pensionierte Papst Benedikt bei ihr einen Exorzismus vornimmt. Krass und gut.

Und die Toten? Die hielten locker mit. Nicht nur Nickles-Erhardt. Tenor Girard Rhoden rezitierte Texte des afroamerikanischen Dichters Langston Hughes vor: kämpferische, aber sensible Lyrik, eingebunden in eine Rahmenhandlung, die vor dem McCarthy-Ausschuss spielte. Sidonie von Krosigk, mit wuscheliger Frisur, trat als Selma Meerbaum-Einsinger auf – eine jüdische Poetin, die mit 18 Jahren in einem deutschen Arbeitslager starb.

Vom Applaus her waren klar Erhardt und Eckhart die Finalisten. Nicht aber für die Jury, die – durchaus von einem gedämpften Murren begleitet – die beiden Kontrahenten der letzten Runde durchwinkte: den Frankfurter Dalibor, der gekonnt zwischen Hip-Hop-Flow und Erzählpoesie wechselte, und den Wiener Johann Nepomuk Nestroy (alias Dan Glazer), versoffener Lebemann mit aufrührerischem Geist: „Was dem Kindlein die Rute, / ist dem Volke die Knute; / du stillest die Wute / rebellischem Blute.“ Am Ende siegten sowohl in der Gesamtwertung als auch in der Einzelwertung die lebenden Dichter – wie bei den vorigen Ausgaben. Doch es war denkbar knapp: 106,1 zu 102,6 Punkte. Eine Revanche gibt es dann 2016. Bis dahin heißt es für die Poeten: Zurück auf die Slam-Bühnen. Oder zurück ins Grab.