Presse - Das Theater Ulm beschert der Region einen Sonntagabend-Krimi

Daniel Grünauer

Datum:

02.02.2016


Medium:

Südwest Presse


Soll der SWR den "Tatort" doch nach Freiburg vergeben: Beschert das Fernsehen den Ulmern keinen Krimi, macht sich eben das Theater ans Werk.

Von Magdi Aboul-Kheir

"Gehen Sie in die Kirche?", will die streng gläubige Frau Eisele wissen. "Ich bin häufiger auf Beerdigungen", gibt Kriminalhauptkommissar Schäufele trocken zurück. Später bittet der Assistent, Kriminalkommissar Waliczek, seinen Chef: "Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben", worauf Schäufele knurrt: "Lieber nicht."

Ja, der Ulmer "Tatort"-Kommissar ist schon eine Type. Wobei das natürlich kein "Tatort" ist, was das Theater Ulm da den Zuschauern beschert. "Kripo Ulm" heißt das Format, das Dramaturg Daniel Grünauer mit seinem Vorgänger Michael Sommer ausgeheckt hat. Sommer hat die erste Folge "Ausbruch" geschrieben, Grünauer hat sie inszeniert, und nun gibt es in der Podium-Bar einen originellen Mix zu sehen: Spielszenen auf der Bühne, Filmszenen auf der Leinwand.

Auf der Leinwand geht's, ganz korekt, Sonntag, 20.15 Uhr, los: mit urbanem Zeitraffer-Vorspann und eingängiger Titelmelodie (Martin Borowski); ein klasse Logo hat "Kripo Ulm" dank Martin Leibinger auch.

Dann gibt es, wie es sich gehört, gleich eine Leiche: Die 18-jährige Abiturientin Marie Eisele liegt tot auf dem Pflaster des Saumarkts. "Christensau" wurde an die Mauer geschmiert. An was Marie wohl gestorben ist? "An Herpes", ätzt Gerichtsmediziner Dr. Herzer (Andreas von Studnitz) - "an was stirbt man wohl, wenn man acht Meter in die Tiefe stürzt!" Klar, sie muss von oben, vom kleinen Park auf der Wilhelmshöhe, heruntergefallen sein, wo sie mit Mitschülern gefeiert hat.

Die Kommissare Schäufele (Gunther Nickles) und Waliczek (Dan Glazer) - der Halb-Österreicher ist just in Ulm angekommen - machen sich an die Aufklärung des Falls. Und stoßen rasch auf Ungereimtheiten. Wollte Marie eine Lehre in der Sparkasse anfangen, wie ihre Mutter (Christel Mayr) erzählt, oder nach Berlin, wo sie einen Studienplatz hatte? Wie war ihre Beziehung zu dem aus Bosnien stammenden Murat (Adam Rebai): Hat er Marie nachgestellt, oder hatten die beiden eine Liebesbeziehung? Welche Rolle spielt Kunstlehrer Strölin (intensiv: Fabian Gröber), der die Verstorbene als "madonnenhaft" bezeichnet? Und hat eine geplante NPD-Demo etwas mit dem Todesfall zu tun?

Es ist erfreulich, dass "Kripo Ulm" kein Jux geworden ist, sondern Grünauer, Sommer & Co. sich um einen echten Krimi, einen ernsten Fall bemüht haben. Was nicht heißen soll, dass es nichts zu lachen gibt. Gunther Nickles spielt Schäufele als nüchtern-lakonischen, mit vielen Wassern gewaschenen Kommissar, Dan Glazer seinen Assistenten Waliczek als engagierten Ulm-Neuling - wobei nicht nur schwäbischer und österreichischer Dialekt aufeinandertreffen. Und zum Team gehört ja auch noch Julia Baukus als nassforsche Pressesprecherin Kerstin Fuchsberger.

Die Spielszenen im inklusive Strafgesetzbuch und Schnurtelefon hübsch nach Requisite aussehenden Kommissariat (Ausstattung, Kostüme: Britta Lammers) überzeugen, während man manchen Filmszenen doch ansieht, dass das Team nur ein Schnürsenkel-Budget zur Verfügung hatte (Sponsoren für weitere Folgen werden gesucht!).

Aber dafür gibt es nette Auftritte von vielen den Theatergängern bekannten Gesichtern, etwa Sibylle Schleicher als überbürokratische Beamtin im Einwohnermeldeamt. Und wenn der Film-Waliczek mit Kriminaltechniker Schlatter (Benjamin Künzel) auf der Bühne telefoniert, macht "Kripo Ulm" einfach Spaß. Nur ein "Tatort" ist es eben nicht - der würde 90, nicht nur 60 Minuten dauern.