Presse - Die Rache des Theaters: Der zweite Fall der Kripo Ulm

Daniel Grünauer

Datum:

16.01.2017


Medium:

Südwest Presse


Ulm. „Kripo Ulm - Der zweite Fall: Theaterblut“ feiert Premiere

von Lena Grundhuber

Darauf steht beim Theater die Höchststrafe: Fordert ein Politiker doch just beim Festakt zum 375-Jährigen des ältesten deutschen Stadttheaters die Abschaffung des Ensembles! In einen Gastspielbetrieb will „Superbürgermeister“ Volker Hirsch (sic!) das ehrwürdige Haus verwandeln, Gewinn soll es abwerfen, statt Subventionen kosten.

Sowas sagt man nicht ungestraft auf den magischen Brettern. Das Theater rächt sich auf seine Weise und lässt den Mann (J. Emanuel Pichler) postwendend tot umfallen. Natürlich nur auf der Bühne beziehungsweise im Film: Der Todesfall spielt sich im Podium des Theaters Ulm auf der Leinwand ab, wir sind ja hier beim „Tatort“, pardon bei der „Kripo Ulm“, und die folgt wieder dem bewährten Dialog-Prinzip zwischen vorab gedrehten Film- und in Echtzeit gespielten Bühnenszenen.

Das Konzept, der vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen vernachlässigten Stadt einen Krimi zu schenken, trifft einen Nerv – die Vorstellungen sind stets ausverkauft. Und so ist es nur recht und billig, wenn das Theater in Folge zwei ein wenig Nabelschau betreibt, inklusive Verweisen auf die leidige Sparerei an der Kultur. „Theaterblut“ ist zu großen Teilen im eigenen Gebäude gedreht, dessen 60er-Jahre-Architektur sich bei Verfolgungsjagden ziemlich gut macht. Auf der Bühne ist liebevoll eine Polizeiwache (Bühne: Britta Lammers) aufgebaut, komplett mit Kaffeemaschine und schrabbeligem Aktenschrank. Letzterer ist das Möbel-Pendant zum bestrickjackten Kriminalhauptkommissar Schäufele, den Gunther Nickles authentisch bruddlig spielt. Im Gegensatz zu Julia Baukus als daueraufgeregter Kollegin beherrscht er ein glaubwürdiges Schwäbisch.

Der aktuelle Mordfall allerdings treibt ihn aus seiner Komfortzone, denn nicht nur der böse Bürgermeister starb an besagtem Theaterabend, auch die Mutter von Gerichtsmediziner Herzer (Ulla Willick/Andreas von Studnitz) brach tot zusammen. Die Ermittlungen führen tief in die schwierige Psyche des verblichenen Politikers, der unheimlich an den FPÖ-Populisten Jörg Haider erinnert: (rechts-)konservativ und heimlich schwul, einer, der meint, sich verstecken zu müssen, und dafür jene opfert, die er liebt. Sehr anrührend gibt Ramadan Ali Hirschs verlassenen Geliebten, Balletttänzer Henry., Und schön ambivalent spielt Wilhelm Schlotterer im Gespann mit Maximilian Wigger-Suttner als Rechtsanwalt den Hauptverdächtigen Nummer zwei: Auch Bauunternehmer Hochschorner fühlte sich von Hirsch verraten...

Autor Michael Sommer und Regisseur Daniel Grünauer leisten sich hübsche Seitenhiebe auf Ulms Neigung zu Superlativen und Baustellen und persiflieren Klischees des Genres, etwa wenn Dan Glazer als Kommissar Ferdl Waliczek melancholisch rauchend mit Blick auf die Nachtstadt sein Leben ändert. Man freut sich über bekannte Gesichter und Insider-Scherze (die reale Pressesprecherin als Journalistin), doch nicht jede Schauspiel-Leistung überzeugt (Silke Meier-Künzel, Julia Baukus), und auch der Ton ist noch nicht perfekt.

Nach 60 Minuten bricht der Abend seltsam unvermittelt ab, so als fehlten genau jene 30 Minuten zum echten „Tatort“. Sei’s drum, die Idee bleibt charmant, und „man sieht sich immer zweimal“, um mit Schäufele zu schwätzen. Vielleicht ja auch dreimal.

ZWEI WEITERE VORSTELLUNGEN
Chancen auf Tickets: Alle Aufführungen von „Kripo Ulm“ sind ausverkauft. Das Theater hat nun aber zwei weitere Vorstellungen angesetzt. Für die Aufführung am 15. März im Podium startet heute der Vorverkauf. Am 13. Juni wird der Krimi sogar im Großen Haus gespielt – auch dafür läuft der Vorverkauf. Karten: 0731/ 161 44 44.