Presse - Lachen hilft gegen Rassismus

Daniel Grünauer

Datum:

09.12.2018


Medium:

Südkurier


Weg mit den Ermahnungen und Belehrungen! In Konstanz beweist eine Komödie, dass das ernste Thema einen heiteren Umgang verträgt

VON JOHANNES BRUGGAIER

Das Rassismusproblem als Bühnenstoff. Braucht’s das wirklich noch? Diese sattsam bekannten Ermahnungen zu politischer Korrektheit, vorgetragen im belehrenden Ton: Wehret den Anfängen, lernt aus der Geschichte, übt euch in Toleranz! Wenn wir ehrlich sind – nein. Jedenfalls nicht so, nicht als fortlaufender Sozialkundeunterricht.

Vielleicht aber: als Komödie. Lachen statt belehren. Das Theater Konstanz hat es jetzt versucht. „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ heißt das Stück von Dominique Lorenz, das unter der Regie von Daniel Grünauer in der Spiegelhalle Premiere zu sehen ist. Es spielt in einer Münchner Metzgerei, wo die Metzgerstochter Zita (Antonia Jungwirth) alle Hände voll zu tun hat, das Fehlen des vom Schlaganfall heimgesuchten Vaters Franz zu kompensieren.

Der Flüchtling Alpha (Ramses Alfa) aus Togo kommt ihr da als Hilfskraft gerade recht. Nicht aber dem Vater Franz. Zurück aus dem Krankenhaus fällt er beim Anblick des Asylbewerbers aus allen Wolken: "Ein Neger“ in seiner Weißwurst-Metzgerei? Ja, was was hat sich die Zita denn dabei gedacht? So holzschnittartig dieser Kontrast von Schwarz und Weiß, Afrika und Bayern, Flüchtling und Chef auch anmutet: Es ist etwas grundlegend anders im Vergleich zu den üblichen Auseinandersetzungen mit Rassismus. Denn im bayrisch grantelnden Metzgermeister begegnen wir nicht etwa einer Inkarnation des Bösen. Mit seinem starrsinnigen Festhalten an alten Gewohnheiten zeigt er sich uns vielmehr als Traditionalist mit zutiefst menschlichen Zügen. Einer, der Wert darauf legt, dass alles seine Ordnung hat. Einer, der sein Leben ganz der Weißwurstproduktion verschreibt und dabei immer offen ausspricht, was er gerade denkt. Der Rassist: ein Mensch, kein Monster.

Und dann geschieht das Unglück. Beim Wechseln einer Glühbirne trifft den Metzger gleich noch einmal der Schlag, diesmal tödlich. Auch wenn Franz davon zunächst gar nichts merkt. Scheinbar quicklebendig läuft er in seiner Metzgerei herum. Doch für Zita und die anderen ist er Luft. Der Rassist: ein Geist.Hilflos muss er mit ansehen, wie die anderen seine Leiche bestatten. Wie Alpha in der Weißwurst-Metzgerei afrikanisch kocht. Und vor allem: wie sein Sohn Anton (Georg Melich), dieser Taugenichts, die gute Zita übers Ohr haut. Gut, dass es jemanden gibt, der zu ihm Kontakt aufbauen kann! Das Problem: Es ist ausgerechnet Alpha. Der vermeintlich primitive Afrikaner mit seinen Geisterbeschwörungen. Offenbar waren die wirksamer, als man hierzulande für möglich halten will.

Aus ernst wird lustig, aus böse wird gut. Alles ist falsch an diesem Abend – und genau deshalb wunderbar richtig. Im Lachen lernen wir wieder, unsere eigenen Rassismen zu hinterfragen: etwa die Arroganz, mit der wir auf die Glaubenstraditionen von Naturvölkern herabblicken. Oder auch die Überhöhung unserer eigenen Kulturgüter vom deutschen Bier bis zur bayrischen Weißwurst. Die Produktionsröhre auf der Bühne presst letztere in der Größe eines Kleinwagens hervor (Ausstattung von Christian Schlechter): ein wunderbar absurdes Bild.

Odo Jergitsch gibt einen herrlich rustikalen Bilderbuch-Bayern ab, Antonia Jungwirth eine Tochter, die dort anpackt, wo andere noch diskutieren. Und Ramses Alfa gelingt das Kunststück, bei mancher bewusst klischeehaften Überzeichnung seiner Rolle nie die Würde der Figur zu verraten.

Es gehört Mut und Geschick dazu, Rassismus so leicht, so unterhaltsam zu inszenieren. Wenn es gelingt, lässt sich damit mehr erreichen als mit noch so vielen Sonntagspredigten.